Interview

„Analoginsulin bedeutet Lebensqualität“

Jan Twachtmann, Vorsitzender der Diabetes Zentrale e.V. über die Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus und die Bedeutung von Aufklärung, Prävention und geeigneten Therapiemaßnahmen

Deutsche GesundheitsNachrichten: Am 14. November ist der Welt-Diabetes-Tag und es finden zahlreiche Veranstaltungen statt, um über die Krankheit zu informieren. Gibt es in Deutschland ein Informationsdefizit?

Jan Twachtmann: Auf jeden Fall! Der Welt-Diabetes-Tag fand 2007 erstmals als offizieller Tag der Vereinten Nationen statt, der der Krankheit Diabetes gewidmet ist – so ähnlich wie der Welt-AIDS-Tag. Von der International Diabetes-Federation wird der Welt-Diabetes-Tag schon länger ausgerichtet. Der erste fand 1991 statt und 2006 hat die UN dann eine Resolution verabschiedet, in der bestimmt wurde, dass der 14. November der Krankheit Diabetes gewidmet wird. Alle, die in der Patienten-Selbsthilfe arbeiten sind sich einig, dass es ein Aufklärungsdefizit gibt. Die Aufklärung ist auch eines der Ziele des Welt-Diabetes-Tages. Das Problem ist, dass Menschen, die kein Diabetes haben, nicht so recht verstehen was Diabetes ist und es daher auch viele Halbweisheiten gibt. Zum einen ist das Thema komplex und zum anderen sehen die Menschen die eigene Oma, die vielleicht Typ-2 Diabetes hatte und vielleicht früher nicht mehr so viel essen durfte. Dadurch entsteht ein falsches Bild. Wir versuchen, wie alle anderen Patientenverbände, Aufklärungsarbeit zu leisten. Zum Beispiel haben wir auf unserer Welt-Diabetes-Tags-Seite ein Diabetes-FAQ (http://www.welt-diabetes-tag.de/faq), wo typtische Halbweisheiten richtig gestellt werden. Dieses Aufklärungsdefizit beschränkt sich im Übrigen nicht nur auf Deutschland, sondern das gibt es weltweit.

 

Sie haben bereits eines der gängigen Klischees über Diabetes genannt. Können Sie das Bild gerade rücken, wer bekommt die Krankheit?

Es sind natürlich nicht nur ältere und dicke Menschen, die Diabetes bekommen. Erst einmal muss man Diabetes strikt in vier Typen unterteilen, wobei die ersten beiden Typen mit Abstand am häufigsten vorkommen. Typ-1 ist das, was früher auch Jugend-Diabetes genannt wurde. Dieser Typ ist absolut nicht ernährungsbedingt, sondern eine Autoimmunerkrankung. Vor allem jüngere Leute sind davon betroffen. Die meisten erkranken zwischen 6 und 14 Jahren. Die müssen nicht dick sein oder sich schlecht ernährt haben. Bislang weiß man nicht, was diese Krankheit auslöst. Etwa zehn Prozent der Diabetiker sind von diesem Typ betroffen. Daneben gibt es den Typ-2 Diabetes. Früher nannte man den auch Altersdiabetes. Dieser bricht meist ernährungsbedingt aus. Tatsächlich sind vor allem ältere Menschen davon betroffen. Das passiert dann, wenn die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse nicht mehr genügend Insulin produzieren, um den Körper ausreichend zu versorgen. Heutzutage erkranken daran allerdings auch immer mehr jüngere Menschen und zum Teil auch Kinder. Die Gründe dafür liegen dann in der Ernährung und im damit verbundenen Übergewicht. Wenn eine Gewichtsreduktion stattfindet, lässt sich der Diabetes auch behandeln. Die Anzahl der Patienten, die aufgrund des Übergewichts Diabetes bekommen, steigt immer weiter an. Diese Art der Erkrankung lässt sich aber auch durch eine gesunde und bewusste Ernährung vorbeugen. Bei Typ-1 Diabetes ist dies hingegen nicht möglich. Typ-2 macht etwa 90 Prozent aller Diabetiker aus. Typ-4 ist der Schwangerschaftsdiabetes. Dieser kann in einer Schwangerschaft auftreten und verschwindet dann aber auch wieder in den meisten Fällen. Typ-3 hat viele verschiedene Ursachen und kann durch Medikamente oder Drogen hervorgerufen werden. Die Zahl der Menschen, die an den letzten beiden Typen erkrankt sind, ist verschwindend gering oder wird später in die anderen beiden Typen eingegliedert. Allerdings gibt es kein Register in Deutschland, so dass die Zahlen grobe Hochrechnungen sind. Der Grund für den Anstieg in den Zahlen liegt ganz klar in der „schlechten“ Ernährung und im Bewegungsmangel. Das Übergewicht löst dann den Typ-2 Diabetes aus. Wenn übergewichtige Kinder Pech haben, bekommen sie so Diabetes und der verschwindet dann auch nicht wieder. Eine Heilung gibt es noch nicht.

 

Was sind die Anzeichen für die Erkrankung?

Jan Twachtmann ist Vorsitzender der Diabetes Zentrale. (Foto: Jan Twachtmann)

Jan Twachtmann ist Vorsitzender der Diabetes Zentrale. (Foto: Jan Twachtmann)

Ein häufiges Symptom ist, dass der Betroffene viel trinkt und dadurch häufig auf Toilette geht. Es kann auch sein, dass die Person ein gesteigertes Hungergefühl hat und gleichzeitig an Gewicht verliert. Aufgrund der Erkrankung ist die Person müde, desinteressiert und hat Konzentrationsschwierigkeiten, weil der Stoffwechsel nicht richtig funktioniert. Bleibt die Krankheit länger unentdeckt, sieht man verschwommen, es kann zum Erbrechen oder Magenschmerzen kommen. Diese Anzeichen können auch auftreten, wenn die Krankheit zwar diagnostiziert, aber nicht richtig behandelt wird.

 

Was passiert bei Diabetes im Körper?

Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung. Am besten kann man die Krankheit mit dem Schlüsselloch-Prinzip beschreiben. Der Zucker, den man zu sich nimmt, gelangt in die Blutbahn und muss in Energie umgewandelt werden. Das passiert in den Zellen. Damit der Zucker in diese Zellen gelangt, braucht man sozusagen einen Schlüssel, um diese Zellen zu öffnen. Der Schlüssel ist das Insulin. Ohne diesen Schlüssel, lassen sich – bildlich gesprochen – die Zellen nicht öffnen, um den Zucker hineinzulegen. Bei Diabetes ist es so, dass die Zellen, die das Insulin produzieren, entweder von der Autoimmunabwehr zerstört wurden oder dass sie nicht mehr genügend Insulin produzieren. Es ist zwar noch Insulin da, aber es reicht nicht mehr aus. Bei Typ-1 Diabetikern ist es dann irgendwann so, dass gar kein Insulin mehr produziert wird. Die Zellen, die das Insulin produzieren, nennen sich Beta-Zellen. Bei Typ-1 weiß man zwar, wie es die Erkrankung abläuft, man weiß aber nicht genau, wodurch diese Autoimmunabwehr ausgelöst wird. Bei Typ-2 Diabetes liegt es daran, dass die Zellen aufgrund des Alters nicht mehr genügend Insulin produzieren. Sie sind quasi, salopp und unmedizinisch ausgedrückt, altersschwach. Bei Übergewicht ist es so, dass die Zellen nicht in der Lage sind, genügend Insulin zu produzieren, um alle Zellen ausreichend mit dem Hormon zu versorgen.

 

Von Vorteil ist das Analoginsulin. Allerdings gibt es Schwierigkeiten bei der Verschreibung…

Anfangs gab es nur tierisches Insulin. Das heißt von Tieren wurde die Bauchspeicheldrüse verwendet, um daraus Insulin zu gewinnen. Allerdings wurde das mit der Zeit zu einem Problem, weil nicht genügend Insulin schnell und günstig produziert werden konnte. Später stellte man das Insulin synthetisch her, das Humaninsulin. Dieses gibt es heute noch. Im Prinzip ist das eine synthetische Kopie des menschlichen Insulins. Eine Weiterentwicklung von dem Humaninsulin ist das Analoginsulin. Der Unterschied ist eine Veränderung in der Struktur der DNA, wodurch es den Vorteil hat, dass die Wirkeigenschaften beeinflusst werden können. Beim normalen Insulin muss man einen sogenannten Spritz-Ess-Abstand einhalten. Das kurzwirksame Analoginsulin wirkt schneller, so dass man den Spritz-Ess-Abstand von 30 Minuten auf zehn, 15 Minuten verkürzen kann oder teilweise ganz entfallen lassen kann – was insbesondere bei Kindern hilfreich ist. Eine entgegengesetzte Beeinflussung der Wirkweise gibt es bei langwirksamen Insulinanaloga, in dem Fall soll das Insulin besonders lange wirken. Das Problem bei der Verschreibung ist, dass im Zuge der Gesundheitsreform eine Kosten-Nutzen-Bewertung durch den gemeinsamen Bundesausschuss eingeführt wurde. In diesem klinischen Gremium sitzen unter anderem Vertreter der Krankenkassen und Ärzte; Patientenvertreter haben hier kein echtes Mitspracherecht. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das die Bewertung durchführt, ist der Auffassung, dass die etwas teureren Analoginsuline keinen Zusatznutzen haben oder es nicht ausreichend Daten für eine Beurteilung gibt. Das IQWiG erkennt das schnellere Wirken nicht als Zusatznutzen an. Außerdem blendet es die Lebensqualität von Diabetikern in der Bewertung komplett aus. Ihnen geht es nur darum, ob es einen medizinischen Zusatznutzen gibt und sie haben festgestellt, dass kurzwirksames Analoginsulin vergleichbar wirkt wie Humaninsulin. Die Geschwindigkeit spielt hierbei leider keine Rolle. Bei Typ-1 Diabetes wurde versucht, zu einer Regelung zu kommen, so dass dieses Insulin nicht mehr verschreibungsfähig ist, es sei denn, es kostet genauso viel oder weniger wie das normale Insulin. Dieses Verfahren wurde zwei Mal durchgeführt und konnte aufgrund des großen Widerstands der Patientenverbände nicht abgeschlossen werden. Im Moment ist es so, dass bei Typ-2 Diabetes die meisten Krankenkassen mit Herstellern Rabattverträge geschlossen haben, so dass die Analoginsuline etwas günstiger geworden sind. Man kann auch sonst weiterhin die Analoginsuline verordnet bekommen, auch wenn es keine Rabattverträge gibt, allerdings nur dann, wenn diese nicht teurer als die Humaninsuline sind. Dass bei diesen ganzen Rechnungen die Lebensqualität ausgeblendet wird, ist für uns ein großes Problem.

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