Interview

„Bei Bluthochdruck ist auf die Begleiterkrankungen zu achten“

Anlässlich der Herzwochen erklärt Prof. Dr. med. Bernhard Schwaab, Klinik Höhenried, die Risiken des Bluthochdrucks und die Therapiemöglichkeiten

Deutsche GesundheitsNachrichten: Die Deutsche Herzstiftung informiert zurzeit über Blutdruck und seine Risiken (www.herzwochen.de). Haben Sie als Arzt das Gefühl, dass die Menschen in Deutschland nicht hinreichend informiert sind?

Prof. Bernhard Schwaab: Wenn wir über Bluthochdruck reden, dann reden wir über den häufigsten, den am weitesten verbreiteten Risikofaktor für Herz- und Gefäßerkrankungen. Darüber sind die Menschen nicht hinreichend informiert. Viele Menschen mit Bluthochdruck wissen nicht, dass ihr Blutdruck bereits seit Jahren erhöht ist. Deshalb besteht ein dringender Aufklärungsbedarf.

 

Häufig denkt man bei Bluthochdruck an ältere Menschen, die regelmäßig ihren Blutdruck messen müssen. Ist dieses Bild richtig?

In der Regel ist es so, dass der Blutdruck im Laufe des Lebens steigt. Wir kennen Patienten, die haben 40-50 Jahre einen eher niedrigen Blutdruck gehabt und irgendwann fängt der Blutdruck dann an zu steigen. Auf der anderen Seite ist es so, dass gerade bei den jüngeren, wenn der hohe Blutdruck als Risikofaktor entdeckt wird, noch die Chance besteht, durch eine rechtzeitige Behandlung, eine Erkrankung zu vermeiden und dadurch einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu verhindern. Das Ziel der Kampagnen muss sein, Menschen in jedem Alter über den Bluthochdruck zu informieren.

 

Wann sollte man anfangen, regelmäßig seinen Blutdruck zu messen, um rechtzeitig festzustellen, dass der Blutdruck nicht so ist wie er sein sollte?

In der Broschüre der Deutschen Herzstiftung „Bluthochdruck heute“ empfehlen wir, dass jeder Erwachsene ab 40 Jahren mindestens einmal im Jahr seinen Blutdruck messen sollte. Ab 50 Jahren dann jedes halbe Jahr. Wenn allerdings in der Familie die Eltern, Großeltern oder sogar Geschwister einen hohen Blutdruck haben, dann sollte man schon mit 30 Jahren anfangen, den Blutdruck einmal im Jahr zu messen. Natürlich eignen sich dazu auch Jugenduntersuchungen bei den Kinderärzten oder Einstellungsuntersuchungen vor dem Beginn einer Lehre oder einer Ausbildung oder aber auch, wenn Betriebsärzte bei Neueinstellungen Mitarbeiter untersuchen. Das heißt, bei jedem ärztlichen Kontakt bietet es sich an, seinen Blutdruck messen zu lassen.

 

Was ist denn ein normaler Blutdruck?

Das ist eine ganz zentrale Frage. Früher hat man oft gesagt, dass der Blutdruck und auch der Normwert vom Alter abhängen. Oder aber, dass nur der obere oder nur der untere Wert zählt. Heute wissen wir: es gilt allgemein die Obergrenze von 140/90 mmHg. Es ist wichtig, dass der Blutdruck im Sitzen und in Ruhe gemessen wird! Beide Werte, der obere und der untere Wert, sind gleich wichtig. Ein mehrfach gemessener Wert von 150/90 mmHg in Ruhe ist bereits erhöht.

 

Was genau beschreiben diese zwei Werte?

Prof. Schwaab ist Kardiologe am Klinikum Höhenried. (Foto: Bernhard Schwaab)

Prof. Schwaab ist Kardiologe am Klinikum Höhenried. (Foto: Bernhard Schwaab)

Um das ganz einfach zu erklären: Das Herz versorgt den Körper mit einem wellenförmigen, pulsförmigen Fluss. Wir haben keine gleichmäßige, kontinuierliche Durchblutung, sondern, wenn das Herz pumpt, entsteht eine Blut- oder Pulswelle. Der obere Wert ist der Druck, den das Herz aufbaut. Der untere Wert wird vor allem durch die Anspannung der Blutgefäße gebildet. Das ist der Blutdruck, der in den Gefäßen vorherrscht, wenn das Herz nicht pumpt – quasi zwischen den beiden Pulswellen. Man kann also sagen, der erste höhere Wert wird durch die Pumpkraft des Herzens bestimmt. Der zweite Wert wird durch den Widerstand in den Arterien bestimmt.

 

Was für Schäden richtet das an, wenn die Gefäße auf Dauer stark belastet werden?

Wenn der Blutdruck permanent zu hoch ist, dann wird die Gefäßwand der Arterien dauerhaft zu hohem Druck ausgesetzt. Das führt dazu, dass die Gefäßwand dicker wird. Als Folge wandern bestimmte Zellen in die Gefäßwand hinein, was dazu führt, dass die Gefäßwand stabiler wird, damit sie dem hohen Blutdruck weiter standhalten kann. Das Gefäß wird dadurch jedoch auch härter und verliert seine Elastizität. Im weiteren Verlauf treten dann auch Verkalkungen auf, so dass aus einem früher einmal zarten, flexiblen Gefäß ein hartes, starres, verkalktes Rohr wird.

 

Und das führt dann auch zu Organschäden…

Genau. Im weiteren Verlauf führt der hohe Blutdruck nach und nach – und das ist das Schlimme – zu Organschäden: am Herzen zu einem Herzinfarkt, am Gehirn zu einem Schlaganfall, an den Nieren zur Dialyse. Aber auch an den Augen können Schäden auftreten, so dass das Augenlicht schwächer wird und im schlimmsten Fall verloren gehen kann. So macht der unentdeckte und unbehandelte Blutdruck ein Organ nach dem anderen kaputt.

 

Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen? Kann man von einer Volkskrankheit sprechen?

Nach Schätzungen der Deutschen Herzstiftung sind etwa sieben bis zehn Millionen Menschen in Deutschland mit einem hohen Blutdruck behaftet ohne es zu wissen. Die Zahlen nehmen zu und das hat zwei Gründe: einmal ist der Bluthochdruck ganz klar Lebensstil abhängig. In dem Moment wo die Menschen an Gewicht zunehmen und sich weniger bewegen, kommen Begleiterscheinungen wie hoher Blutdruck, Diabetes mellitus, also Zuckererkrankung, hinzu. Wenn Menschen sich falsch ernähren, zu viel Salz essen, Fertigprodukte wie z.B. Pizza, Lasagne etc. zu sich nehmen, kann ebenfalls der Blutdruck ansteigen. Auch permanenter Stress, Arbeitsverdichtung, fehlende Entspannung kann zu hohem Blutdruck führen. Dazu zählt auch das Rauchen. Weil der Lebensstil immer ungesünder wird, steigt leider auch der Blutdruck weiter an. Ein anderer Teil ist, dass die Bereitschaft zum hohen Blutdruck auch genetisch festgelegt wird, also vererbt werden kann. Wir können also ganz klar von einer Volkskrankheit sprechen. Der Bluthochdruck ist der am weitesten verbreitete Risikofaktor in unserer Bevölkerung für Herz- und Gefäßerkrankungen..

 

Zeigt sich der Bluthochdruck in irgendeiner Form oder ist man auf das Blutdruck-Messgerät angewiesen?

Das Schlimme ist, dass die meisten Menschen den hohen Blutdruck vorher nicht merken. Es gibt allerdings einige Symptome, wenn auch unspezifischer Art. So können sich Menschen beispielsweise weniger leistungsfähig fühlen, über Druck im Kopf oder über Kopfschmerzen klagen. Manchmal fällt Familienmitgliedern auf, dass der Betroffene eine rote Gesichtsfarbe hat. Das sind jedoch vage Hinweise und keine spezifischen Symptome.

 

Was für Therapiemöglichkeiten gibt es?

Das hängt davon ab, wie hoch der Blutdruck des Patienten ist. Sehr wichtig ist aber auch, welche Begleiterkrankungen vorliegen. Früher hat man nur den hohen Blutdruck isoliert behandelt. Heute ist es so, dass man das gesamt Risiko in die Betrachtung des Patienten mit einbezieht. Hat also jemand einen Blutdruck, der nur leicht erhöht ist, zum Beispiel 150/95, gleichzeitig aber Nierenfunktionsstörungen, Diabetes, ein hohes Cholesterin und vielleicht auch schon ein Herzinfarkt, dann muss dieser Patient sofort mit einem Medikament behandelt werden. Andersherum, wenn ein Patient einen Blutdruck von 160/100 hat, aber ansonsten gesund ist und keine Vorerkrankungen hat, dann geht die erste Maßnahme auch über den Lebensstil. Das heißt konkret: mehr bewegen, gesünder essen, den Salzkonsum verringern, das Gewicht reduzieren sowie das Rauchen weglassen und für Entspannung im Alltag sorgen.

 

Wenn der Blutdruck nun aber so hoch ist, dass es nicht reicht, den Lebensstil zu ändern, müssen Medikamente eingesetzt werden. Viele Menschen reagieren dabei aber eher skeptisch…

Man muss deutlich sagen, dass die meisten Patienten nicht um Medikamente herum kommen. Sie brauchen eine lebenslange medikamentöse Therapie. Heute kombinieren wir Medikamente schon am Anfang und geben zwei Substanzen, beide jeweils in niedriger Dosis. Sie haben dadurch weniger Nebenwirkungen und verstärken gegenseitig ihre Wirkung. Früher hat man ein Medikament gegeben und das in der Dosis bis zum Schluss ausgereizt. Das macht man heute nur noch selten, weil sich in der Regel auch die Nebenwirkungen erhöhen, wenn man die Dosis erhöht. Der große Gewinn aller Lebensstiländerungen besteht deshalb auch darin, dass sie die Wirkung der Medikamente unterstützten. Dadurch können Medikamente eingespart oder die Dosierung verringert und damit Nebenwirkungen vermieden werden. Das ist ein entscheidender Teil der Therapie.

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