Interview

„Hebammenleistungen müssen honoriert werden“

Edith Wolber, Pressereferentin Deutscher Hebammenverband (DHV) erklärt, weshalb der Einsatz von Hebammen wertvoll ist und finanziell unterstützt werden muss

Deutsche GesundheitsNachrichten: Es scheint, dass in letzter Zeit immer häufiger das Thema Hausgeburten in den Medien Wiederhall findet. Beobachten sie als Hebammenverband einen verstärkten Trend in diese Richtung?

 

Edith Wolber: Nein. Die Gesamtsumme der außerklinischen Geburten liegt bei ca. 1,4 Prozent. Das beinhaltet sowohl Hausgeburten als auch Geburtshaus-Geburten. Wir sehen hier keine gravierende Steigerung, höchstens eine ganz minimale. Im großstädtischen, akademischen Milieu haben wir mehr Hausgeburten und mehr im Westen als im Osten. Auch da hat sich in den letzten zehn Jahren nicht wirklich etwas verändert.

 

Können sie erklären, weshalb das in den Medien nun häufiger diskutiert wird? Gibt es vielleicht einen Gesinnungswandel, der sich aber in der Praxis so noch nicht zeigt?

 

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt immer ein Quorum von Frauen, die lieber zu Hause oder im Geburtshaus gebären möchten aber die Mehrheit der Frauen ist mittlerweile so sozialisiert, dass sie lieber ins Krankenhaus gehen möchte. Gerne auch in Hebammen-geleitete Kreissäle im Krankenhaus. Das sind Kreissäle, wo ausschließlich Hebammen arbeiten. Die Frauen haben dort die Sicherheit eines Krankenhauses und können im Notfall verlegt werden. Trotzdem haben sie aber etwas Privates, Vertrautes – vielleicht ähnlich wie zu Hause. Wenn im Moment die Hausgeburt – und ich sage das bewusst –  negativ ins Gerede kommt, dann, durch Kritiker der außerklinischen Idee. Die kommen immer wieder mit Studien. Wenn man sich die aber genauer anschaut, dann sieht man, dass manche Dinge einfach nicht stimmig sind. Ungewollte Hausgeburten werden zum Beispiel in diese Studien mit aufgenommen und diese verschlechtern im Grunde das Ergebnis. Oder häufig sind Migrantenfrauen sind in den Studien mit drin, die nie vor der Geburt eine Schwangerenvorsorge weder beim Gynäkologen noch bei der Hebamme gemacht haben. Das sind dann Risikogruppen, die mit rein gerechnet werden. Das stimmt dann einfach so nicht, zumindest nicht für Deutschland. In Deutschland gibt es einen ganz engen, begrenzten Kanon von Frauen, die, salopp formuliert, geeignet sind für eine Hausgeburt.

 

Gibt es Fälle, in denen sie Hausgeburten empfehlen würden oder sind die Geburten immer Risiko behaftet?

 

Edith Wolber ist Pressereferentin des Deutschen Hebammenverbands. (Foto: Edith Wolber)

Edith Wolber ist Pressereferentin des Deutschen Hebammenverbands. (Foto: Edith Wolber)

Bei einer gesunden Frau ist eine Hausgeburt so sicher wie eine Krankenhausgeburt. Da gibt es in Deutschland eine gute Evaluation. Es gibt seit über zehn Jahren eine Organisation, die heißt QUAG (Qualitätssicherung in der außerklinischen Geburtshilfe). Hier wird jede außerklinische Geburt dokumentiert: der Verlauf und das Ergebnis. Es zeigt sich, dass Hausgeburten von gesunden, risikoarmen Frauen genauso gut ausgehen wie eine Klinikgeburt. Allerdings sollten Zwillingsgeburten nicht zu Hause stattfinden oder Geburten von Frauen, die Diabetes haben oder Bluthochdruck. Da gibt es eine Menge Ausschlusskriterien. Wenn diese beachtet werden, dann sind Hausgeburten so sicher wie Geburten im Krankenhaus.

 

Bewusst zugespitzt gefragt: warum sind Hebammen nötig, wenn Ärzte auch entbinden können?

 

Das ist eine provokative Frage, die schon juristisch gar nicht tauglich ist. In Deutschland gibt es ein Gesetz, die sogenannte „Hinzuziehungspflicht“. Dieses Gesetz stammt noch aus dem Faschismus, hat also eine recht unrühmlichen Vergangenheit. Dieses Gesetz besagt aber, dass bei jeder Geburt eine Hebamme dabei sein muss. Diese Aussage gibt es nicht in Bezug auf einen Gynäkologen oder einen anderen Arzt. Das heißt, streng genommen müsste auch bei jeder Sectio-Entbindung eine Hebamme anwesend sein.

 

Was unterscheidet die Herangehensweise der Hebamme von der des Arztes?

 

Zwei Dinge würde ich sagen: Hebammen sind für die gesunden Frauen zuständig. Denn die Geburt und gebären sind etwas physiologisches und nicht mit einer Krankheit zu assoziieren. Ärzte und Gynäkologen sind für die Pathologie zuständig – das heißt, immer dann, wenn sich eine Gefahr, ein Risiko für Mutter und Kind zeigt. Wenn wir das ernst nehmen würde, hätte jeder seinen spezifischen Arbeitsbereich.

 

Häufig liest man: Ärzte können besser entbinden als Hebammen. Die machen ja „nur“ eine Ausbildung, die im Vergleich auch nicht sehr lang ist.

 

Das ist für mich kein Argument. Mich stört schon der Begriff „entbinden“. Eine Frau wird nicht entbunden! Eine Frau entbindet selber oder gebiert ihr Kind. Das ist auch noch mal ein ganz gravierender Unterschied: Hebammen sehen in der Geburt etwas sehr aktives, eine sehr aktive Leistung, die die Frau erbringt. Das ist ihr Weg. Wenn ich sprachlich schon sage, eine Frau wird entbunden, dann ist da stückweit schon eine Entmündigung drin. Ich tue es für diese Frau.

Gynäkologen haben einfach ein anderes Verständnis von Gebären und von Geburt. Hebammen gehen von der Physiologie aus und sagen: eine Geburt kann wirklich eine Frau in die Kraft setzen und ihr Stärke geben. Das ist ein Akt, den eine Frau selbstbewusst und selbstbestärkt leisten kann. Das heißt aber auch, dass ich Beistand gebe, dass ich bei dieser Frau bin auch in der schwierigen Phase, in der die Frau Angst hat, unsicher ist und zweifelt. Da dann noch bei ihr zu sein und nicht zu sagen: deine Angst nervt mich, die löse ich jetzt ganz schnell, ich gebe dir eine Spritze und wir machen einen Kaiserschnitt.

 

Beobachten sie, dass sich über die Jahre hinweg das Ansehen des Berufs der Hebamme, das Image verändert hat?

 

Seit den letzten zwanzig, dreißig Jahren ist das Image nach wie vor gut. Das lässt sich alleine daran festmachen, dass wir über all die Jahre pro Ausbildungsplatz bis zu 100 Bewerbungen hatten. Das ist ganz anders als in der Altenpflege. Es zeigt sich, dass der Lebensanfang in unserer Gesellschaft sehr positiv bewertet ist und damit dann natürlich das Tun der Akteurinnen rund um den Lebensanfang im Gegensatz zum Lebensende. Der Tod wird abgewertet in unserer Gesellschaft und eine ähnliche Abwertung finden wir auch bei den Berufsgruppen, die mit Sterben und Tod begleitet sind. Wenig junge Menschen möchten in die Altenpflege, sehr viele möchten in den Hebammenberuf.

 

Dass der Beruf nicht ausstirbt, zeigen die Zahlen. Allerdings fordern sie als Hebammenverband neue Zulassungsvoraussetzungen für die Ausbildung. Was ist der Grund dafür?

 

Es gibt verschiedene Gründe, aber ein Schlagwort ist: wir brauchen reflektierende Praktikerinnen. Die Hebammenkunst war über viele Jahrzehnte so etwas wie eine Erfahrungskunst, Erfahrungsmedizin. In der Vergangenheit waren es immer andere Berufsgruppen, die das Tun der Hebammen definiert haben. Der Wunsch der Hebammen besteht nun darin, zu sagen: wir wollen selbst definieren können was eine gute Betreuung in Geburt, Schwangerschaft und Wochenbett ausmacht. Dafür brauchen wir auch ein akademisches Fundament, um auch ernst genommen zu werden von anderen Disziplinen. Wir brauchen natürlich auch eine erweiterte Ausbildung. Deshalb brauchen Hebammen erweiterte Kompetenzen, um das unterrichten zu können. Die Anforderungen sind unglaublich gewachsen, auch bei der Perinatal-Medizin, die natürlich nicht losgelöst von der Hebammenarbeit gesehen werden kann. Da gibt es immer eine Verzahnung. Auch bei der medizinischen Geburtshilfe und der Hebammengeburtshilfe. Da müssen Hebammen einfach wissende Frauen sein.

 

Es stehen Hebammenstreiks in ganz Deutschland bevor und sie haben eine E-Petition aufgestellt. Was sind ihre Forderungen?

 

Am 30.November verhandeln die Krankenkassen mit den drei großen Hebammenverbänden. Da geht es um die Gebühren für die von den Hebammen erbrachten Leistungen. Die Krankenkassen bieten eine Gebührenerhöhung von 1,98 Prozent an. Demgegenüber stehen weiter steigende Haftpflichtprämien, die nächsten Juli wieder um 15 Prozent steigen werden. Das heißt, wir haben dann zwischen 2009 und 20012 eine Erhöhung der Gebühren für die Haftpflichtprämie von knapp 80 Prozent: nämlich eine Steigerung von 2370 Euro im Jahr 2009 auf eine Haftpflichtprämie von 4243 Euro im Jahr 2012. Deshalb planen die Hebammen morgen, begleitend zu den Verhandlungen, eine Mahnwache vor dem Bundesverband der AOK in Berlin. Mit unseren Forderungen richten wir uns aber auch noch an andere Adressaten: vor zwei Jahren haben wir die E-Petition gestartet – die erfolgreichste E-Petition in Deutschland überhaupt. Mit dieser Petition appellierten wir an die Politik eine Bestandserhebung zu machen, um zu wissen, wie die Versorgungslage der Frauen im Land ist, um dort auch anknüpfen zu können, wie groß der Bedarf an Hebammen ist. Diese Studie läuft gerade noch. Die Ergebnisse erwarten wir im März. Eine andere Forderung an die Politik war, dass sich die unterschiedlichen Ministerien endlich mal an einen Tisch setzen – das heißt, das Gesundheitsministerium, das Familien- und das Arbeitsministerium – um über die Situation der Hebammen zu sprechen und eine gemeinsame Lösung zu finden für viele der Fragestellungen, weil sich die einzelnen Ministerien, salopp gesagt, gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben und letztendlich dann nicht aktiv werden.

 

Vor einiger Zeit forderten die Grünen, Hebammenleistungen in das Sozialgesetzbuch aufzunehmen. Was hat es damit auf sich?

 

Dieses Jahr, also 2011, wird die so genannte RVO, Reichsversicherungsordnung 100 Jahre alt. Damals war das ein wichtiges Regelwerk. Darin wurde nämlich geregelt, welche Leistungen beispielsweise die Krankenkassen übernehmen. In der Zwischenzeit sind fast alle Leistungserbringer nicht mehr in der RVO verankert, sondern im neuen Sozialgesetzbuch (SGB). Anders die Hebammenhilfe, die immer noch in der RVO ist. In der RVO sind allerdings nur krankhafte Zustände definiert, die die Krankenkassen bezahlen. Aber Hebammen arbeiten ja nicht nur im Bereich der Pathologie, sondern die Mehrzahl der Frauen und Mütter, die Hebammen betreuen, sind ja gesunde Menschen, ebenso wie ihre Neugeborenen auch. Deshalb werden ganz viele Leistungen, die Hebammen bei gesunden Frauen erbringen, nicht finanziert. Ein Problem ist auch, dass vor 100 Jahren, als die RVO entwickelt wurde, der Begriff der Prävention noch nicht existierte. Genauso wenig wie präventive Leistungen. All das was Hebammen an präventiven Leistungen erbringen, ist also nicht definiert und wird deshalb von Krankenkassen nicht bezahlt, bzw. muss in schwierigen Verhandlungen den Krankenkassen abgerungen werden. Wären alle Hebammenleistungen, wie die Leistungen der Kinderärzte zum Beispiel, im Sozialgesetzbuch verankert, dann wäre ganz klar genannt, dass die Krankenkassen auch präventive Leistungen zahlen müssen. Eine präventive Leistung wären zum Beispiel Kurse für alle Väter. Also Geburtsvorbereitungskurse, Schwangerschaftsvorbereitungskurse für Väter.

Zwar geht  die Überführung von der RVO ins SGB nicht so schnell wie wir das gerne hätten, aber wir sind guter Dinge, dass das jetzt auf dem Weg ist. Die Zeit ist einfach reif. Wenn die Politik will, dass Hebammen eine wichtige Instanz sind bei der Betreuung und Begleitung von Familien und auch will, dass Hebammen präventiv arbeiten, dann muss auch die Arbeit der Hebammen finanziell abgesichert sein.

 

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