Pflege-Abitur

Zwölf Jahre sind nicht zu viel: Bildung für Pflegende ist wichtig

Gertrud Stöcker widerspricht Bahr und Montgomery. EU-Richtlinie über die Anerkennung von Berufsqualifikationen muss umgesetzt werden.

Die EU-Kommission will, dass dem Eintritt in einen Pflegeberuf mindestens zwölf Jahre Schulzeit vorausgegangen sein sollen. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Frank Ulrich Montgomery, hatten diese Neuregelung kritisiert. Jetzt plädieren der Deutsche Berufsverband der Pflegeberufe (DBfK) und das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung für das sogenannte „Pflege-Abi“.
Gertrud Stöcker, stellvertretende Vorsitzende des DBfK, schreibt in der „Rhein-Zeitung“, dass professionelle Pflege „eine anspruchsvolle Tätigkeit“ sei, die „eine anspruchsvolle Ausbildung“ voraussetze: „Je besser qualifiziert die Pflegefachpersonen sind, umso weniger Komplikationen bis hin zum Tod treten bei Patienten auf“, wie internationale Studien belegten.

Deutschland ist neben Österreich und Luxemburg eines der drei Länder in der EU, das sich gegen die Umsetzung der Richtlinie sperrt. In allen anderen 24 Ländern ist eine zwölfjährige Schulbildung Pflicht für eine Krankenpflege- oder Hebammenausbildung. Montgomery und Bahr hatten im Dezember 2011 in einem Interview mit der „Saarbrücker Zeitung“ vor einem drohenden Fachkräftemangel und Nachwuchsproblem gewarnt, falls Deutschland das „Pflege-Abi“ einführe.

Stöcker widerspricht: „Einen Mangel an Pflegefachpersonen gibt es bereits“. Durch den allgegenwärtigen Zwang, möglichst effizient zu wirtschaften, seien bereits 60.000 Pflegeplanstellen und 10.000 Ausbildungsplätze in der Gesundheits- und Krankenpflege gestrichen worden. Vielmehr könne eine Anhebung der Zugangsvoraussetzungen dazu beitragen, die Pflegeberufe attraktiver zu machen: „In allen Ländern, die ihre Anforderungen an die Ausbildung angehoben haben, hat dies zu einer Steigerung der Attraktivität des Berufs geführt. Dies widerlegt das Argument, durch steigende Anforderungen an die Ausbildung werde der Nachwuchs ausbleiben“.
Die Neuregelung der Anforderungen an Menschen, die einen Pflegeberuf ergreifen wollen, hat für Stöcker auch eine weitergehende gesellschaftliche Dimension: Durch die Richtlinie werde Deutschland gezwungen werden, „eine mehr als 100 Jahre alte systemische Benachteiligung des Frauenberufs Pflege zu beenden“. Während die Gegner die Debatte mit Schlagworten wie „Stärke der Pflegenden liegt in der sozialen Kompetenz und nicht in der Bildung“ führen und damit Geschlechterrollen aus grauer Vorzeit perpetuieren, weist Stöcker darauf hin, dass „vorhandene wissenschaftliche Belege in die tägliche Pflegepraxis integriert werden“ müssten. Eine solche pflegerische Versorgung sei nur mit einer Ausbildung zu leisten, die dem Stand der Pflegewissenschaft entspricht.

Auch der Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung, Frank Weidner, übt Kritik an der Haltung von Politik und BÄK: Diese sei „unkundig, kurzsichtig und auch überheblich“. Als die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt im Jahr 2009 die Pflegeausbildung für Hauptschüler geöffnet habe, habe das Image der deutschen Pflege innerhalb von Europa einen erheblichen Schaden genommen; dem Fachkräftemangel sei jedoch nicht entgegengewirkt worden.

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  1. Das ganze ist ein zweischneidiges Schwert, da wir akuten Mangel an Pflegekräften haben. Einerseits brauchen wir unbedingt mehr davon, andererseits sind viele unterqualifiziert, weshalb man oft von Skandalen in der Pflegebranche liest. Kein wunder, dass sich immer mehr Angehörige an einePflegeberatung wenden, da es sonst kaum Ansprechpartnr gibt, die einem da gut weiterhelfen können.