Pandemie

Moratorium für das Supervirus: Forscher wollen Aufklärung leisten

Die Forscher, die ein extrem gefährliches Virus aus Bestandteilen der Vogel- und Schweinegrippeerreger gezüchtet hatten, setzen ihre Experimente für 60 Tage aus. Sie reagieren damit auf die anhaltende Diskussion, inwieweit Ergebnisse medizinischer Forschung zensiert werden dürfen oder müssen.

Den beiden Forschergruppen um den niederländischen Wissenschaftler Ron Fouchier und den Amerikaner Yoshihiro Kawaoka war verboten worden, detaillierte Informationen über den Bauplan des kombinierten Virus zu veröffentlichen. Das National Science Advisory Board for Biosecurity (NSSAB) der US-Regierung hatte den Wissenschaftlern untersagt, ihre Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften zu publizieren, da Terroristen die Daten nutzen könnten, um verheerende Bio-Waffen zu kreieren.

Jetzt haben sich 39 Forscher in einem Statement, das in den Zeitschriften „Science“ und „Nature“ abgedruckt wurde, zu der Kontroverse geäußert. „Wir erkennen, dass wir […] klar und deutlich die Vorteile dieser wichtigen Forschung darlegen müssen, ebenso die Maßnahmen, die ergriffen werden, um die möglichen Risiken zu minimieren“, so die Forscher. Zu diesem Zweck wollen sie ein internationales Forum einberufen, auf dem die wissenschaftliche Gemeinde zu diesen Themen debattieren soll. Ein Moratorium sei an dieser Stelle genau das Richtige, meinen die Forscher: „Um Zeit für diese Diskussion zu schaffen, haben wir uns geeinigt, eine freiwillige Pause von 60 Tagen einzulegen.“

Ron Fouchier, einer der Initiatoren des Moratoriums, bedauert in einem Interview mit „Science“, diesen Schritt gehen zu müssen: „Es ist schade, dass es so weit gekommen ist. Ich hätte es vorgezogen, wenn die ganze Sache nicht eine solch große Kontroverse verursacht hätte.“ Zu der Frage, ob veröffentlichte Forschungsergebnisse Terroristen möglicherweise einen Vorteil verschaffen könnten, äußert sich Fouchier eindeutig: „Nein. Denn Bio-Terroristen können das Virus nicht herstellen, es ist zu komplex, man braucht eine Menge Expertenwissen. Und Schurkenstaaten, die die Kapazitäten haben, es zu tun, brauchen unsere Informationen nicht.“

Wer die Informationen jedoch dringend benötigt, sind Wissenschaftler auf der ganzen Welt, die sich mit dem Grippevirus und seinen unterschiedlichen Formen beschäftigen. In „Nature“ schreibt der Virologe Peter Palese, wie wichtig der Informationsaustausch zwischen Forschern ist: „Meine Kollegen und ich standen im Mittelpunkt einer ähnlichen Kontroverse, als wir 2005 das Grippevirus von 1918 rekonstruierten, das bis zu 50 Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet hatte. […] Hätten wir das Virus nicht rekonstruiert und unsere Ergebnisse mit der wissenschaftlichen Gemeinde geteilt, würden wir immer noch in Angst vor einem niederträchtigen Wissenschaftler leben, der die Spanische Grippe wiederherstellt und auf eine ungeschützte Welt loslässt. Jetzt wissen wir, dass ein solches Worst-Case-Scenario nicht mehr möglich ist.“

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält das Teilen der Forschungsergebnisse für hochgradig wichtig: „Forschungen, die das Verständnis dieser Viren verbessern und das Risiko für die Bevölkerung reduzieren, sind ein Muss, sowohl für die Wissenschaft als auch für die allgemeine Gesundheit.“

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *