Demenz

Geistiger Abbau schon ab dem 45. Lebensjahr

Eine Kohortenstudie an 10.308 britischen Staatsangestellten hat nachgewiesen, dass der geistige Verfall des Menschen bereits ab dem 45. Lebensjahr beginnt.

Wissenschaftler vermuteten bisher, dass der kognitive Abbau des Menschen jenseits des 60. Lebensjahres beginnt. Dies korrelierte auch gut mit den Daten zur Demenzforschung. So leiden in der westlichen Welt 6-8% der 65-Jährigen unter einer Demenz. Bei den über 80-Jährigen haben bereits 20-40% eine Demenz entwickelt. (Göttinger Wissenschaftler haben kürzlich eine Impfung entwickelt, nach der sich die Krankheit eventuell aufhälten lässt, mehr hier)

Die Whitehall-II-Langzeit-Kohortenstudie wiederlegt nun diese Annahmen. In dieser untersuchten Wissenschaftler u.a. die kognitiven Fähigkeiten britischer Staatsangestellte im Alter von 45 Jahren aufwärts in einer Zeitspanne von zehn Jahren. Eingesetzt wurden standardisierte Tests zur Wahrnehmung (Kognition) und zur Leistung des Gedächtnisses (Mnestik). So wurden etwa das logische Denken, die Sprachgewandtheit und die Merkfähigkeit überprüft.

Die Ergebnisse zeigten besonders auffällige Verschlechterungen im Bereich des logischen Denkens. Je älter die Probanden waren, desto höher waren die Verluste. So verloren z.B. die 45-49-jährigen Männer 3,6% innerhalb der Zehn-Jahres-Spanne, während die 65-70-Jährigen 9,6% an logischem Denkvermögen einbüßten. Bei den Frauen waren die Verluste vergleichbar hoch (zwischen 3,6% und 7,4%).

Das Erinnern möglichst vieler Wörter einer vorgelesenen Wortliste lässt ebenso nach wie die Sprachgewandtheit. Testen kann man letzteres durch das schnellstmögliche Nennen von Wörtern mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben. Dieses wird in der Neuropsychologie auch phonematische Sprachgewandtheit genannt. Im Bereich der semantischen Sprachgewandtheit (Fähigkeit, Dinge zu bezeichnen) wurden ebenso Verschlechterungen nach Ablauf der zehn Jahre dokumentiert. Getestet wird die semantische Sprachgewandtheit über das Aufzählen von beispielsweise Tiernamen mit einem vorgegebenen Anfangsbuchstaben. Es erinnert ein wenig an das Spiel „Stadt-Land-Fluss“.

In einer Kategorie zeigten die britischen Staatsangestellten keine Veränderungen. Über einem Multiple-Choice-Test wurde der Wortschatz überprüft. Die Ergebnisse blieben über die zehn Jahre hinweg konstant.

Der kognitive Abbau beginnt der Studie zufolge bereits ab dem 45. Lebensjahr, wobei es keine vergleichbaren Daten von jüngeren Probanden gibt. Doctor Archana Singh-Manoux, wissenschaftliche Leiterin im französischen National Institute of Health and Medical Research (INSERM  Centre for Research in Epidemiology and Population Health in Villejuif Cedex/Paris) berichtet, dass etwaige degenerative Veränderungen des Gehirns bereits bei viel jüngeren Menschen nachgewiesen werden können. Forschungsergebnisse hierzu stehen jedoch aus. Singh-Manoux gibt außerdem an, dass nicht nur das Alter eine Rolle beim kognitiven Abbau spielt, sondern eben auch die Lebensweise und die entsprechende Entwicklung von Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen.

Der im Dezember in der Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ veröffentlichte Artikel „Lebensstil und Kognition“ weist durch Auswertungen verschiedener epidemiologischer Studien nach, dass sich regelmäßige körperliche Aktivität und eine bewusste Ernährung positiv auf die kognitiven Fähigkeiten sowohl im gesunden alternden wie auch im bereits degenerativ veränderten Gehirn auswirken können. Die funktionelle und strukturelle Plastizität des Gehirns kann insgesamt positiv beeinflusst werden.

Das Gehirn altert ständig. Ab wann genau es los geht, ist noch nicht ganz aufgeklärt. Bei 45-Jährigen kann man den Abbau jedenfalls schon wissenschaftlich fundiert nachweisen. Je älter man wird, desto schneller schreitet der Abbau voran. Durch eine bewusste Lebensweise, mit Vermeidung kardiovaskulärer Risikofaktoren (Rauchen, Stress, fett- und zuckerreiche Ernährung, Bewegungsmangel), regelmäßiger körperlicher Bewegung und ausreichend geistiger Flexibilität durch ständiges Lernen kann dieser Prozess zwar nicht aufgehalten, jedoch aber durchaus verzögert werden. Ein guter Grund, die eigene Lebensweise zu überdenken.

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