Pharma

Zwangslizenz: Bayer muss Patent für Krebsmedikament an indische Firma weitergeben

In Indien sorgt eine Zwangsmaßnahme gegen den deutschen Pharmakonzern Bayer für Aufsehen. Ein Patentgericht entschied, dass Bayer sein Patent für das Krebsmedikament „Nexavar“ an das indische Unternehmen Natco Pharma abgeben muss.

Das indische Patentgericht in Neu-Delhi hat am Montag eine ungewöhnliche Entscheidung bekannt gegeben: Per Beschluss wird der deutschen Pharmahersteller Bayer gezwungen, sein Patent für das Krebsmedikament Nexavar an den indischen Generikahersteller Natco Pharma weiterzugeben. Nexavar wird bei fortgeschrittenem Nieren- und Leberkrebs eingesetzt. Es verlangsamt das Wachstum der Krebszellen, indem es die Blutversorgung, die die Krebszellen wachsen lässt, unterbindet. Die nun verfügte Zwangslizenz zur Erstellung soll das Medikament der armen Bevölkerung Indiens zugänglich machen. Im Gegenzug soll Bayer eine geringe umsatzabhängige Lizenzabgabe erhalten.

Der Beschluss des Patengerichts kommt für die um ihre Patente kämpfende Pharmabranche zum ungünstigen Zeitpunkt. Schon seit mehreren Jahren stellen auslaufende Patente die Pharmaindustrie vor große Probleme, die in diesem Jahr einen Höhepunkt erreichten: Das Antidepressivum Lexapro verliert dieser Tage in den USA seinen Patentschutz. Im Mai läuft beim Schweizer Medikamentenhersteller Novartis das Patent für seinen Blutdrucksenker Diovan aus. Das umsatzstarke Medikament, der Cholesterinsenker Lipitor des US-Konzerns Pfizer, steht bereits seit dem vergangenen Jahr im Wettbewerb mit Generika.

Doch im Fall Bayers geht jetzt um weit mehr als nur um die auslaufenden Patente oder das Medikament Nexavar: Es geht um die Frage, ob mit dem „Nexavar – Urteil“ ein Präzedenzfall geschaffen worden ist, mit dem künftig Zwangslizenzen unter Verletzung bestehender Patentrechte beliebig erteilt werden können.

Innerhalb der von dem internationalen Patentschutzabkommen vorgegebenen Grenzen können Länder Zwangslizenzen vergeben, wenn das lebende Pharmazeutikum für die arme Bevölkerung nicht bezhalbar ist. Heimische Pharmahersteller werden sodann autorisiert, die Medikamente günstiger herzustellen. Mögliche Patentverluste teurer Medikamente in Entwicklungsländern werden bereits seit mehreren Jahren in der Pharmabranche diskutiert, vor allem bei HIV–Medikamenten für Afrika. Die Pharmabranche ist im Fall Indiens jedoch darüber empört, dass Indien als eines der wachstumsstarken Schwellenländer diesen Weg beschreitet. Sie sehen darin einen Rückfall in alte indische Untugenden: Jahrelang produzierten indische Generikahersteller patentierte Medikamente und verkauften diese zu Dumping-Preisen auf den Märkten der Entwicklungsländer. Erst auf Druck der Welthandelsorganisation WTO wurde Indien 2005 dazu gebracht, das internationale Patentschutzabkommen TRIPS umzusetzen. Unterschrieben hatten die Inder das Abkommen nämlich schon lange.

Die Konzerne argumentieren, dass sie mit großem Forschungsaufwand neue Präparate entwickelt hätten und in intensiver Forschungstätigkeit oft Hunderte von schwierig zu synthetisierenden Stoffen aufgebaut haben. Man habe in jahrelangen mühseligen Untersuchungen in der Klink-Erprobung die optimale Verbindung herausgefunden und müsse nun zusehen, wie der Patentschutz durch Zwangslizenzen ausgehebelt werde.

Die Pharmakonzerne wollen als Reaktion die Ressourcen für die Entwicklung von neuen Medikamenten zurückfahren. Der US-Konzern Pfizer hat bereits angekündigt, das Forschungs- und Entwicklungsbudget zu kürzen. Auch der deutsche Pharmakonzern Bayer will im Lichte der Entscheidung zu Nexavar seine Strategie überdenken und überlegt, sich stärker auf das auf Saatgut und Pflanzeneigenschaften spezialisierte BioScience-Geschäft zu spezialisieren.
Bayer kündigte außerdem an, juristische Schritte gegen die Entscheidung des indischen Patentamts zu prüfen.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *