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EU: Arbitrage mit Medikamenten bleibt Wachstumsfeld

Die Pharmaindustrie wehrt sich gegen Parallelhandel: Weil Medikamente nicht in ganz Europa gleich viel kosten, blüht der Handel mit der Arbitrage. Die Apotheker sollen nun zeigen, woher die Medikamente für das Differenzgeschäft kommen.

Der Parallelhandel mit Medikamenten ist ein lukratives Geschäft, besonders in der EU. Die Preisunterschiede zwischen den reichen Ländern im Norden und den armen im Süden sind so groß, dass sich daraus in den vergangenen Jahren ein hochprofitables Geschäft entwickeln konnte. Der Handel profitiert dabei davon, dass die EU kein echter, gemeinsamer Wirtschaftsraum ist. Das Konzept: Die Händler kaufen die Medikamente in einem Niedrigpreisland, beispielsweise Griechenland, ein, verpacken sie neu und verkaufen sie in Deutschland zu einem Preis, der immer noch unter dem hier üblichen liegt.

Insgesamt liegt in diesem Markt ein Potential von fünf Milliarden Euro jährlich, schätzt das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IMS Health, das entspricht etwa drei Prozent vom europäischen Markt für verschreibungspflichtigen Medikamente. Dessen Volumen wird auf 150 Milliarden Euro beziffert.

Medikamente haben innerhalb der EU unterschiedlich hohe Preise. Apotheker sollen helfen das Geschäft mit den Differenzen zu bremsen. (Foto: Gryffindor)

Medikamente haben innerhalb der EU unterschiedlich hohe Preise. Apotheker sollen helfen das Geschäft mit den Differenzen zu bremsen. (Foto: Gryffindor)

410 Millionen Euro Umsatz hat beispielsweise das deutsche Unternehmen EurimPharm im Jahr 2011 eingefahren. Doch vom Parallelhandel profitieren nicht nur die Händler: EurimPharm-Gründer und Geschäftsführer Andreas Mohringer ist gleichzeitig auch Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Arzneimittelimporteure e. V. (BAI) und weist darauf hin, dass 2009 durch die Arbitrage 300 Millionen Euro im deutschen Gesundheitssystem eingespart werden konnten, „Tendenz weiter steigend“. Außerdem garantiere das Geschäft „inzwischen mehr als 10.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze aller Qualifikationsstufen“ und zwar ausschließlich in mittelständischen Unternehmen. Der Österreicher Mohringer hatte sein Geschäft aus dem Nichts aufgebaut: Bei einem Urlaub in Großbritannien kam ihm die Idee, als er ein Medikament kaufte und sah, dass dies völlig identisch mit einem Medikament in Deutschland war – bis auf den Preis eben. Also entschloss er sich, daraus ein Unternehmen zu machen und war damit so erfolgreich, dass er heute zu den führenden Händlern in diesem Segment zählt.

EurimPharm hat mittlerweile über 500 Mitarbeiter und einen Marktanteil von 16 % in Deutschland, dem größten europäischen Markt für parallel gehandelte Arzneimittel.

In der EU sind derzeit etwa 140 Unternehmen registriert, die Parallelhandel mit Medikamenten betreiben. Knapp 85 % von ihnen sind in den Ländern Dänemark, Deutschland, Irland, den Niederlanden, Polen, Schweden und dem Vereinigten Königreich beheimatet; Ländern, in denen die Preise für Arzneimittel teilweise um 20 % höher liegen als in Südeuropa.

Eine Studie der London School of Economics aus dem Jahr 2004 (die vom Pharmakonzern Johnson & Johnson finanziert wurde) sieht im Parallelhandel keine großen Vorteile – außer für die Händler. Die Ersparnisse der Staatshaushalte seien sehr gering und der massive Einkauf von Arzneimitteln in Niedrigpreisländern könne dort zu Engpässen führen.

Auch anderen Pharmakonzernen macht die Arbitrage Sorgen. Claire Taaffe, Sprecherin von GlaxoSmithKline (GSK), sagte gegenüber Bloomberg: „GSK glaubt, dass der Parallelhandel sowohl Bedenken bezüglich der Qualität aufkommen lässt als auch signifikante potentielle Sicherheitsrisiken.“ Im vergangenen Jahr haben die drei Unternehmen Gilead Sciences, Janssen-Cilag und Roche dann die Sache selbst in die Hand genommen: Sie beauftragten IMS Health, herauszufinden, woher die Parallelhändler ihre Ware beziehen.

IMS Health stattete daraufhin deutsche Apotheker mit Digitalkameras und Speicherkarten aus und bot ihnen Geld für Fotos von Arzneimitteln, die sie von Parallelhändlern bezogen hatten. So sollte die Herkunft der Medikamente ermittelt werden. Der Generalsekretär der European Association of Euro-Pharmaceutical Companies (EAEPC), Heinz Kobelt, bezeichnete diese Taktik als „Industriespionage“. IMS verteidigte seine Methoden und wies darauf hin, dass das Bundeskartellamt entschieden habe, in diesem Fall nichts zu unternehmen.

Mohringer erklärt, dass die großen Konzerne ihn und andere Parallelhändler ganz einfach aus dem Markt drängen könnten, sie müssten lediglich einheitliche Preise in ganz Europa schaffen: „Aber das werden sie nicht tun.“

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