Analyse

Neue Hüften für die Alten gibt es nur, wenn die Jungen gesünder leben

Die Diskussion um neue Hüft- und Kniegelenke für alte Menschen führt zwangsläufig zu der Frage: Was können wir uns leisten? Da zeigt sich, ohne radikale Änderungen im Lebensstil der Jungen ist das Gesundheitssystem in einer alternden Gesellschaft nicht aufrechtzuerhalten.

Die Einigung der Koalition auf eine Begrenzung von Operationen aus Kostengründen hat umgehend einen Proteststurm ausgelöst. Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Durch einen ständigen Anstieg sind wir heute bei 15 Millionen operativer Eingriffe pro Jahr. 400 000 davon waren gemäß den Zahlen des Statistischen Bundesamtes Hüft- und Knieprothesen – Eingriffe, die zu etwa 80% an über 60jährigen Patienten durchgeführt wurden. Diese zu begrenzen, deutete Gesundheitsminister Bahr an.

Und erntete einen Proteststurm: Von SPD-Senioren bis CDU-Senioren regte sich der Protest. Ein Seniorenvertreter sprach gar von einer Selektion der Alten.

Wieviel Hedonismus können wir uns leisten? (Foto: Flickr/David Domingo)

Wieviel Hedonismus können wir uns leisten? (Foto: Flickr/David Domingo)

Das Thema ist nicht angenehm, weil natürlich niemand in den Verdacht geraten will, die Menschenwürde mit Füßen zu treten. Allein, das Beispiel zeigt ein doppeltes Dilemma: Das Gesundheitssystem droht aus den Fugen zu geraten. Je mehr medizinische Eingriffe durch technologische Innovation oder wissenschaftlichen Forschungserfolg möglich werden, desto weniger hat die Gesellschaft die finanziellen Mittel dazu. Und je älter die deutsche Bevölkerung wird, desto größer wird der „Markt“ für solche Operationen.

Tatsächlich ist die ethische Debatte schwer zu führen, zu einem befriedigenden Ergebnis zu bringen ist sie schon gar nicht.

Was aber geführt werden muss, ist die Diskussion um die vermeidbaren Belastungen des Gesundheitssystems. Diese Belastungen resultieren aus betriebswirtschaftlichen Ineffizienzen, die nur allzu gern mit dem Deckmantel des Humanismus vertuscht werden sollen. Wer jedoch den Bürokratie-Aufwand von Ärzten und klinischem Personal kennt weiß, dass es hier erhebliche Einsparungsmöglichkeiten gibt.

Allerdings wird auch die schlankeste Gesundheits-Verwaltung nicht ausreichen, um ein gerechtes Versorgungssystem einzurichten. Denn niemand kann unberührt bleiben, wenn Gesundheit still und leise zum Luxus wird. Daher muss im Bereich der Prävention mehr geschehen. Allein durch das Rauchen entstehen der Weltwirtschaft mehrere hundert Milliarden Euro jährlich an Schaden. Nicht viel besser sieht es beim Alkohol aus. Andere Wohlstandskrankheiten, verursacht durch ungesunde Ernährung, erzeugen ebenfalls enorme Kosten – die am Ende die Allgemeinheit wie selbstverständlich übernehmen muss.

Auch die hedonistische Gesellschaft hat nur begrenzte Mittel. Daher muss sie sich am Ende fragen, was sie sich an gesundheitlichen Maßnahmen leisten kann. Diese Frage kann nur beantwortet werden, wenn man weiß, was man sich leisten will. Beides ist eben nicht finanzierbar: Entweder wird das immer älter werdende Deutschland seinen Alten ein Leben in Würde finanzieren, oder aber die Gesellschaft wird ihre Ressourcen in die ungezügelten Auswüchse des Konsumlebens und seiner Folgen stecken. Hier fällt eine zwangsläufig eine moralische Entscheidung über Alternativen – und zwar ganz praktisch und ohne jedes Pathos.

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