Sportmedizin

Besorgniserregender Missbrauch von Schmerzmitteln im Fußball

39 Prozent der Profifußballer nehmen vor jedem Spiel Schmerzmittel. Kritiker sagen, der Druck auf Mannschaftsärzte und Spieler sei zu hoch.

Der medizinische Leiter des Fußballverbands FIFA, Dr. Jiri Dvorak, ist alarmiert: Der Missbrauch von Schmerzmitteln ist unter Fußballprofis weit verbreitet. In einer Studie, die er gemeinsam mit Philippe Matthias Tscholl in der Fachzeitschift „British Journal of Sports Medicine“ veröffentlicht hat, kommt er zu dem Schluss: „Der systematische Gebrauch [von Schmerzmitteln, Anm. d. Red.] – Verabreichung vor jedem Spiel – scheint unter bestimmten Bedingungen die Norm zu sein.“

Beim Fußball geht es nicht gerade zimperlich zu. Dennoch nehmen die Sportler zu viele Schmerzmittel, sagt FIFA-Arzt Jiri Dvorak. (Foto: flickr/fchmksfkcb)

Beim Fußball geht es nicht gerade zimperlich zu. Dennoch nehmen die Sportler zu viele Schmerzmittel, sagt FIFA-Arzt Jiri Dvorak. (Foto: flickr/fchmksfkcb)

Für die Studie hatten die Wissenschaftler Listen ausgewertet, die sie von den Mannschaftsärzten der Teams, die an der WM 2010 in Südafrika teilgenommen hatten, erhalten hatten. In den Listen war verzeichnet, welche medikamentöse Behandlung die Spieler in einem Zeitraum von 72 Stunden vor einem Spiel erhalten hatten.

Das Ergebnis: 39 Prozent der Spieler nahmen vor jedem Spiel Schmerzmittel ein, Sportler aus Nord- und Südamerika fast doppelt soviel wie ihre Kollegen von anderen Kontinenten. „Ich denke, wir können den Ausdruck ‚Missbrauch‘ verwenden – die Dimensionen sind einfach zu groß“, sagte Dvorak der BBC. Gerade im Hinblick auf die EM 2012 warnt er: „Leider gibt es den Trend, die Einnahme von Medikamenten noch zu steigern.“

Die Gefahren für die Sportler sind vielfältig. Experten sind der Ansicht, dass gerade in Sportarten wie Fußball, die eine hohe Leistung erfordern, schwere Schäden drohen: So arbeiten die Nieren eines Spielers auf Hochtouren, was sie besonders anfällig für starke Medikamente macht. Sorgen macht sich Dvorak auch um die Jugend: „Die Jungen imitieren das Verhalten der Alten. Es gibt einen Missbrauch von [Medikamenten] bei etwa 16-19 Prozent der Spieler bei U-17-Wettbewerben. Das alarmiert mich noch mehr.“

Die Schmerzmittel werden auch genommen, wenn keine Indikation vorliegt. Dr. Hans Geyer, stellvertretender Direktor der World Anti-Doping Agency (WADA), sagte der BBC: „Wir haben gesehen, dass die Spieler Schmerzmittel zur Vorbeugung einnehmen. Sie nehmen sie, um einem Schmerz vorzubeugen, der auftreten könnte, um vollkommen unempfindlich zu sein. Das Problem dabei ist, dass man die Alarmsysteme, die das Gewebe schützen sollen, abstellt; dies kann zu einer irreversiblen Zerstörung des Gewebes führen.“

Den Grund für den Medikamentenmissbrauch sieht Dvorak in einem allgemeinen Leistungsdruck, der sowohl Spieler als auch Mannschaftsärzte betrifft. „Die meisten Mannschaftsärzte stehen unter dem Druck einer Diagnose und einer angemessenen Behandlung sowie dem Druck, den Spieler so schnell wie möglich wieder aufs Feld zu bringen. Wenn sie ihn zu lange draußen behalten, könnte sie das den Job kosten.“

Der ehemalige deutsche Nationalspieler Jens Nowotny bestätigt diese Ansicht: „Es ist hart, wenn jemand vom Verein kommt und sagt, es sei wichtig, dass du spielst und dass die Mannschaft und der Verein dich brauchen […] Vielleicht wäre es besser, keine Schmerzmittel zu nehmen und die Signale des Körpers nicht zu ignorieren, aber es ist Teil des Jobs und wir verdienen eine Menge Geld – es ist Teil des Business.“

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