Versorgung

Drohende Insolvenzen: Marktbereinigung durch Kliniksterben

Eine Studie prognostiziert die Schließung von 200 Kliniken bis zum Jahr 2020. Sie empfiehlt, Krankenhäuser ohne Zukunft und Bedeutung sollten aufgegeben werden.

Die Lage der deutschen Krankenhäuser verschärft sich: Mit einer Studie unter dem Namen „Krankenhaus Rating Report 2012 – Krankenhausversorgung am Wendepunkt“ machen das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), das Institute for Health Care Business (HCB) und das Beratungsunternehmen accenture auf Missstände und drohende Konsequenzen im Kliniksektor aufmerksam.

Trübe Aussichten: Bis 2020 könnten etwa 200 deutsche Krankenhäuser verschwunden sein. (Foto: Flickr/pbuergler)

Trübe Aussichten: Bis 2020 könnten etwa 200 deutsche Krankenhäuser verschwunden sein. (Foto: Flickr/pbuergler)

Für die Studie hatten die Autoren 705 Jahresabschlüsse von Krankenhäusern aus dem Jahr 2009 sowie 286 Jahresabschlüsse aus dem Jahr 2010 untersucht. Die Ergebnisse geben Anlass zur Sorge: Mittlerweile dürften sich 15 Prozent der deutschen Kliniken im sogenannten „roten Bereich“ mit erhöhter Insolvenzgefahr befinden. Vor zwei Jahren waren es noch 10 Prozent. Gerade etwa die Hälfte der knapp 2000 deutschen Krankenhäuser erwirtschaftet die Erträge, mit denen sie ihre Unternehmenssubstanz erhalten kann.

Am stärksten betroffen von einer drohenden Insolvenz sind die öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser. 18 Prozent von ihnen befinden sich im „roten Bereich“, das sind doppelt so viele wie bei den freigemeinnützigen Häusern und neunmal so viel wie bei privaten. Eine Ausnahme stellen die kommunalen Kliniken auf dem Gebiet der ehemaligen DDR dar: Nur drei Prozent von ihnen sind von einer Insolvenz bedroht.

Ostdeutschland schneidet besser ab

Auch deutschlandweit steht der Osten insgesamt besser da: So war die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser 2010 am besten in den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Thüringen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Norden und Nordosten (Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin) sowie Bayern bewegten sich im Mittelfeld. In Hessen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Bremen war die Situation am schwierigsten.

Nach den Ursachen fragend, sind die Autoren auf mehrere Zusammenhänge gestoßen: Ein Faktor für wirtschaftlichen Erfolg ist die Größe eines Krankenhauses. So schneiden kleine Krankenhäuser schlechter ab als große oder mittelgroße. Weiterhin sind Kliniken mit einem hohen Spezialisierungsgrad deutlich besser aufgestellt als solche, die ein breitgefächertes Leistungsspektrum anbieten. Hier böte sich eine Chance für kleine Krankenhäuser: „Besonders bei kleinen Kliniken mit weniger als 200 Betten zeigt sich, dass mit dem Grad der Spezialisierung auch der Erfolg wächst.“ Ein weiterer Erfolgsfaktor, der in diesem Jahr erstmals untersucht wurde, ist eine gute Managementstruktur.

Weiterhin besteht ein Zusammenhang zwischen Qualität, Patientenzufriedenheit und Wirtschaftlichkeit. Die Studie zeigt, dass unter den Kliniken, die die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung als auffällig registriert hat, 16 Prozent insolvenzgefährdet sind. Damit ist der Wert doppelt so hoch wie bei Häusern ohne Probleme bei der medizinischen Qualität.

74,3 Milliarden Euro Mehrausgaben in einem Jahr

Die Ausgaben für Krankenhäuser stiegen innerhalb eines Jahres (2009 – 2010) um 4,7 Prozent auf 74,3 Milliarden Euro an. Vergleicht man das Wachstum der Ausgaben im Zeitraum zwischen 2005 und 2010, lässt sich ein Anstieg von rund 20 Prozent feststellen. Dieser Zeitraum war dennoch durch eine starke Zunahme der Zahl der behandelten Fälle gekennzeichnet („Mengendynamik“): Die Zahl der stationären Fälle beispielsweise stieg um neun Prozent. Nimmt man die Erlöse aus DRG-Fallpauschalen, die zwischen Kosten- und Leistungsträgern abgerechnet werden, zur Hand, lässt sich eine Zunahme von 25 Prozent beobachten. Dabei gehen, wie die Autoren der Studie betonen, 60 Prozent dieser Zunahme nicht auf demografische Veränderungen zurück, sondern auf den Fortschritt in der Medizintechnik und somit vermehrten Angeboten an die Patienten. Diesen Trend zugrundelegend, vermuten die Autoren einen Anstieg der stationären Fälle um 13 Prozent zwischen 2010 und 2020. Demografiebedingt wäre aber nur mit fünf Prozent mehr Fällen zu rechnen.

Bis 2020 dürften auch 200 Krankenhäuser schließen müssen, „wenn sich die wirtschaftliche Situation nicht entscheidend verbessert“, so die Autoren der Studie. Eine Marktbereinigung sei allerdings zum Teil nötig, um den Krankenhausmarkt zu stabilisieren. Daher bewerten sie die Übernahme Rhön-Klinikum AG durch Fresenius ausgesprochen positiv. Eine fusionierte Klinikkette könne einem Großteil der Bevölkerung spezielle Angebote unterbreiten, so Strukturen aufbrechen und den Wettbewerb verschärfen.

Am Ende dieser Entwicklung sehen sie fünf große überregionale Klinikverbünde, die insgesamt einen Marktanteil von rund 60 Prozent erreichten. „Sie würden eng mit starken Partnern aus dem kommunalen und universitären Bereich kooperieren und jeweils eine gemeinsame Dachmarke bilden. Daneben gäbe es mehrere regionale Verbünde (30 Prozent), vor allem in kommunaler Trägerschaft. Einige Solisten mit besonderem Nischenangebot werden sich wohl behaupten (10 Prozent)“, so die Vermutung der Autoren.

Den Weg zu einem derart ausgeglichenen Markt sollen verschiedene Reformen ebnen: Zum einen schlagen die Autoren vor, die ohnehin knappen öffentlichen Mittel effizienter zu nutzen. „Krankenhäuser ohne erkennbare wirtschaftliche Zukunft und ohne nennenswerte Bedeutung für die regionale Versorgung“ sollten aufgegeben werden, generell sollte der Gesetzgeber für mehr unternehmerische Freiheit sorgen.

IT birgt großes Sparpotenzial

In der IT sehen die Autoren ebenfalls großes Erfolgspotential: „Durch intelligente IT wird der Patientenfluss optimal gesteuert und Prozesse verlaufen zunehmend standardisiert und automatisiert“. Elektronische Patientenakten sollen dazu beitragen, Behandlungspfade wissenschaftlich zu evaluieren und so letztlich die Behandlungsqualität zu steigern.

Ein weiterer Vorschlag, auch um die Mengendynamik zu bremsen, ist ein sogenannter „Rechtehandel“: Jährlich sollte eine feste Menge an Rechten für die Abrechnung von Krankenhausbehandlungen ausgegeben werden. Mengenverhandlungen würden dann zwischen den Kliniken stattfinden, statt wie bisher zwischen Klinik und Krankenkasse. Der Rechtehandel könnte gleichzeitig Anreize zur Spezialisierung schaffen und so eine Strukturoptimierung begünstigen, „ohne schwächere Krankenhäuser zu benachteiligen“.

Bei einer Marktbereinigung würden nämlich nicht die „Großen“ die „Kleinen“ überflügeln, sondern vielmehr die „Schnellen“ die „Langsamen“. Wer schnell und klug handele, internationale Erfahrung und Expertise aus anderen Industrien hinzuziehe, der werde auf dem Krankenhausmarkt der Zukunft bestehen können.

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