Politik

Stiftungen fordern mehr Mitsprache in der Gesundheitspolitik

Die Strukturen im Gesundheitssystem stehen in der Kritik, weil Patientenbedürfnisse nicht ausreichend gefördert werden. Stiftungen sollten hier auf Fehlentwicklungen hinweisen und eine „Steuerungsfunktion“ übernehmen.

Klares Statement von Deutscher Herzstiftung, Deutscher Schlaganfall-Hilfe und Stiftung DHD (Der herzkranke Diabetiker) beim Hauptstadtkongress in Berlin: Stiftungen müssen aktive Player im Gesundheitsmarkt sein und deutlich sagen, wo, wie und mit welchen Mitteln auf Fehlentwicklungen angemessen reagiert werden kann. In politische Entscheidungen werden Stiftungen kaum einbezogen, obwohl sie die fachlichen Vertreter zum Nutzen der Patienten sind.

Ein Manko, denn: Mit ihnen wird Expertise und Meinungsbildung verbunden, das von Eigen- und Fremdinteressen losgelöst ist. Sie stehen für Glaubwürdigkeit, vor dem Hintergrund, dass Transparenz und Unabhängigkeit gewährleistet sind. Sie haben einen Ehrenkodex, in dem Richtlinien definiert sind, und verschiedene Fachgremien, die darauf achten, dass die Balance gehalten wird und der Fokus auf der Stiftungsarbeit liegt. Und sie urteilen auf der Grundlage von Wissenschaft und Praxis, sind oft in beidem tätig und agieren nicht vom Schreibtisch aus. Stiftungen kennen die Sicht der betroffenen und wissen, was es heißt, einen Beitrag zur Optimierung der Patientenversorgung zu leisten.

Bei einem Schlaganfall ist schnelle Hilfe vonnöten. Dass es in deutschen Krankenhäusern inzwischen mehr als 200 Stroke Units gibt, ist auch der Arbeit der SDSH zu verdanken. (Foto: flickr/pilot_micha)

Bei einem Schlaganfall ist schnelle Hilfe vonnöten. Dass es in deutschen Krankenhäusern inzwischen mehr als 200 Stroke Units gibt, ist auch der Arbeit der SDSH zu verdanken. (Foto: flickr/pilot_micha)

„Kein Mensch hätte zu Gründungszeiten der Deutschen Herzstiftung (DHS) 1979 gedacht, dass der Zustand der heillosen Unterversorgung je behoben werden kann“, sagte Prof. Thomas Meinertz. Damals wurden die Patienten zu Herzoperationen ins Ausland geschickt, selbst Katheterlabore fehlten. Heute müsse man eher Über- und Dysversorgung im kardiovaskulären Bereich beklagen, es besteht der Wunsch nach informierteren Ärzten und informierten Patienten.

Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe (SDSH) brachte die Stroke-Unit-Bewegung ins Rollen, aus der SDSH ging später die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft hervor. „Bis Anfang der 90er Jahre existierte keine Struktur, wer, wann, wo, wie Schlaganfallpatienten behandelt, es gab auch keine standardisierte Akuttherapie“, so Prof. Darius G. Nabavi. Inzwischen gibt es bundesweit mehr als 200 zertifizierte Stroke-Units, die Behandlung im Netzwerk und künftig auch sogenannte Schlaganfall-Lotsen.

Die Lücke der Verbundthematik „Diabetes, Herz und Gefäße“ zu schließen, war 1999 Gründungsgedanke der Stiftung DHD. „Das Stoffwechselproblem wurde in Studien lange Zeit ausgeblendet, weil es die Ergebnisse negativ beeinflusst“, erklärte Prof. Diethelm Tschöpe. Das Bewusstsein und die Datenlage seien mittlerweile gewachsen. Doch die Ereignisraten sprächen nicht dafür, dass sich die Versorgung verbessert hat. Die 2007 von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und der Europäischen Diabetesgesellschaft (EASD) gemeinsam veröffentlichte Leitlinie zur interdisziplinären Behandlung durch Kardiologie und Diabetologie hat daran wenig geändert. Ein Grund seien die Strukturen im Gesundheitssystem: Sie belohnten die apparative vor der sprechenden Medizin. Und sie förderten, dass jeder Experte primär sein Problem behandelt, also das Krankheitsbild, das er abrechnen kann: Der Neurologe den Fall Hirn, der Kardiologe den Fall Herz und der Endokrinologe/Diabetologe den Fall Diabetes. Auch wenn die Patientenklientel gleich mehrere dieser Komplikationen mitbringe, der wirtschaftliche Anreiz für Kliniken und Praxen liege vor allem in der Menge.

Stiftungen müssten auf diese Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen hinweisen, sie sollten Steuerungsfunktion übernehmen. Immerhin begleiteten sie seit vielen Jahren den Versorgungprozess. Sie engagierten sich in der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention, fördern Erkenntniszuwachs und kennen die Bedürfnisse der Patienten. „Auch wenn wir es letztlich nicht entscheiden können, müssen wir deutlich sagen, dass solche Entwicklungen nicht zum Nutzen der Patienten sind“, so die Verantwortlichen von DHS, SDSH und DHD. Die Stiftungen stünden für konzertierte Meinungsbildung und Objektivität. Man sei nur abhängig und verpflichtet gegenüber den Patienten.

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