ANALYSE

Gesundheitswesen: Der Arzt wird immer stärker zum „Gesundheitsmakler“

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen aufgrund der rasanten medizinisch-technischen Entwicklungen. Als Folge werden sich ältere Menschen künftig ganzheitlich von niedergelassenen Ärzten betreuen lassen, anstatt im Krankenhaus – in Krankenhäusern seien langfristige Behandlungen aus wirtschaftlichen Gründen auf Dauer nicht zumutbar, heißt es.

Zu einem überraschenden Ergebnis kam eine Kleine Anfrage der SPD-Fraktion an die Bundestagsabgeordneten: Die Kosten im Gesundheitswesen explodieren wegen des medizinisch-technischen Fortschritt – und nicht wegen der Überalterung der Bevölkerung. Die Bundesregierung gibt in ihrer Antwort an, dass zwischen 27 und 48 Prozent des gesamten Ausgabenanstiegs seit 1960 gingen auf den medizinisch-technischen Fortschritt zurückzuführen seien. Die immer älter werdende Bevölkerung spiele nur eine unwesentliche Rolle. Angaben der OECD zufolge dürften die Kosten für das Gesundheitssystem in dieser Zeit nur um etwa 10 Prozent gestiegen sein.

Ein interessanter Trend ergibt sich aus dem Vergleich der Kostenentwicklung in den Krankenhäusern mit den Arzt-Praxen: Die Ausgaben für die Behandlungen im Krankenhaus und für Arzneimittel stiegen in den vergangenen zehn Jahren deutlich stärker als jene für die niedergelassenen Ärzte.

Dies bedeutet einen nicht unerheblichen gesellschaftlichen Wandel: Waren der Arzt früher noch der Problemlöser für jede Lebenslage, wird er heute immer stärker zu einer Art „Gesundheitsmakler“: Er diagnostiziert grob die Richtung der Erkrankung (wenn überhaupt), und überweist dann in die entsprechenden Kliniken oder zu Fachärzten. Diese Entwicklung wird durch mehrere Faktoren befördert: Es ist den niedergelassenen Ärzten heute trotz verpflichtender Weiterbildung im Grunde kaum möglich, sich umfassendes Wissen über den rasanten technischen Fortschritt und die neuesten Medikamente zu verschaffen. Zugleich ist das Entlohnungsmodell bei Kassenpatienten eher auf Masse, als auf Tiefe angelegt. Im Grunde kann der Arzt jeden Patienten nur wenige Minuten behandeln, wenn er wirtschaftlich denken will. Dass er wirtschaftlich denken muss, liegt wiederum am Gesundheitssystem: Ärztemangel und höhere Erwartungen der Patienten machen die Arztpraxen nicht gerade zu kontemplativen Orten, an denen Arzt und Patient die Muße haben, über die Ursachen einer Krankheit nachzudenken.

Dennoch sollte die Antwort der Bundesregierung nicht unkritisch akzeptiert werden: Denn gerade aus den Krankenhäusern kommt die Meldung, dass immer mehr und immer ältere Patienten behandelt werden müssten. Die Tatsache, dass auch immer mehr ältere Patienten Vorsorgeeinrichtungen in Anspruch nehmen, deutet darauf hin, dass der demografische Faktor sehr wohl eine Rolle spielt. Zwar gesteht die Bundesregierung ein, dass es ihr an Erhebungsdaten mangelt – das kann sollte eine vorausschauende Gesundheitspolitik nicht verhindern. Denn die vielen alten Patienten werden gerade für die Krankenhäuser zum Problem. Zum einen fühlen sich ältere Menschen in der nicht vertrauten, technisierten Umgebung eines Krankenhauses unwohl; zum anderen ist eine Zunahme von langfristigen Behandlungen zu verzeichnen, die von Krankenhäusern mit ihrem Overhead nicht wirtschaftlich zu leisten ist.

Möglicherweise könnte diese Entwicklung dazu führen, dass die niedergelassenen Ärzte die Rolle des „Spezialisten“ für die Alten übernehmen. Viele Ärzte klagen heute schon über die „Anhänglichkeit“ älterer Patienten, für die der Arzt oft der einzige Ansprechpartner ist. Dazu bräuchte ein neues Finanzierungsmodell: Der niedergelassene Arzt sollte nicht den einzigen finanziellen Anreiz in einem möglichst hohen „Durchsatz“ von Patienten sehen; wenn er für die Langzeit-Betreuung von älteren Patienten gesondert honoriert wird, könnte die menschlich wertvolle Dienstleistung auch finanziell attraktiv werden.

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