Krebsmedizin

Weniger Vorbehandlung nützt Leukämiepatienten

Eine schonendere Bestrahlung für Erwachsene, bei myeloischer Leukämie, lässt die Sterberate sinken. Durch die leichtere Behandlung ist die Rückfallrate zudem nicht gestiegen.

Erwachsene Patienten mit akuter myeloischer Leukämie – einer speziellen Form von Blutkrebs – profitieren von einem neuen, schonenden Behandlungsschema zur Vorbereitung der Knochenmarktransplantation: Die dazu erforderliche Ganzkörperbestrahlung und Chemotherapie wird niedriger als bisher dosiert. Dank der geringeren Intensität treten bei gleicher Wirksamkeit weniger bedrohliche Nebenwirkungen auf, so dass nur halb so viele Patienten innerhalb des – bislang besonders kritischen – ersten Jahres an Therapiefolgen sterben. Auch das Risiko, einen Rückfall zu erleiden, erhöht sich bei diesem Schema nicht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine deutschlandweite, von Prof. Martin Bornhäuser, Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden, geleitete Studie. Die Ergebnisse dieser weltweit mit großem Interesse wahrgenommenen Untersuchung haben die Wissenschaftler in der aktuellen online-Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift „Lancet Oncology“ veröffentlicht.

Eine Chemotherapie stellt für Patienten stets eine hohe Belastung dar. Wenigstens die Vorbehandlung dürfte bei Leukämiepatienten in Zukunft leichter ausfallen. (Foto: flickr/Derek K. Miller)

Eine Chemotherapie stellt für Patienten stets eine hohe Belastung dar. Wenigstens die Vorbehandlung dürfte bei Leukämiepatienten in Zukunft leichter ausfallen. (Foto: flickr/Derek K. Miller)

Erstmals stellten die Mediziner in der jetzt veröffentlichten Studie die bislang übliche intensive Vorbehandlung – Konditionierung – von Patienten mit akuter myeloischer Leukämie auf die Knochenmarktransplantation systematisch einer weniger intensiven Vorbehandlung gegenüber. Besonders für die älteren, an dieser speziellen Form von Blutkrebs erkrankten Patienten zeigte sich ein deutlicher Vorteil in der Frühphase der Therapie. „Dank der geringeren Nebenwirkungen versterben im ‚kritischen ersten Jahr‘ weniger als 10 Prozent der Patienten an Therapiefolgen – statt nahezu 20 Prozent nach der bisher üblichen intensiven Vorbehandlung“, betont Prof. Bornhäuser, der als Hämatologe auf Erkrankungen des blutbildenden Systems spezialisiert ist. Zusammen mit Prof. Matthias Stelljes aus Münster koordinierte er die Studie vom Universitätsklinikum Dresden aus. Eines der wichtigsten Ergebnisse: „Die Langzeit-Rückfallrate – das heißt die Zahl der Patienten, bei denen die Leukämie trotz der Behandlung zurückkehrte – hat sich durch die schonende Konditionierung nicht erhöht.“

In Deutschland erkranken pro Jahr rund 10.000 Menschen an Leukämie – im Volksmund auch Blutkrebs genannt. Davon gibt es verschiedene Unterformen; gut ein Drittel der Patienten sind von der akuten myeloischen Leukämie betroffen. Sie gilt als häufigste Form des akuten Blutkrebses bei Erwachsenen. „Die Stammzellen des blutbildenden Systems arbeiten nicht mehr richtig. Sie überschwemmen das Blut mit unreifen und daher funktionsunfähigen weißen Blutkörperchen“, erläutert Prof. Bornhäuser. Die Betroffenen leiden zunächst unspezifisch unter ständiger Müdigkeit, sinkender Leistungsfähigkeit und häufigen schweren Infekten. Die überwiegende Anzahl ist älter als 60 Jahre, vereinzelt erkranken auch Kinder. „Seit der Einführung der Stammzelltherapie hat sich die Überlebenschance auch für ältere Patienten deutlich verbessert: Dabei werden gesunde Blut-Stammzellen von einem Spender auf den Patienten übertragen. Allerdings starben vergleichsweise viele Patienten in der Frühphase der Behandlung – offenbar eine Folge der hochdosierten Konditionierung.“

Denn ehe die Patienten die neuen Blutstammzellen erhalten, muss ihr eigenes blutbildendes System zunächst zerstört werden – meist durch eine Kombination von Chemo- und Strahlentherapie. „Die Experten gingen bislang davon aus, dass die intensive Vorbehandlung erforderlich ist, um die bösartigen Blutstammzellen so weit als möglich abzutöten und somit eine gute Basis für eine dauerhafte Heilung zu schaffen. Wir fanden aber zunehmend Hinweise darauf, dass Menschen über 40 Jahre sehr viel empfindlicher auf diese intensive Therapie reagieren als Jüngere“, schildert Prof. Bornhäuser.

Dies hat die Studie unter Leitung des Dresdner Hämatologen jetzt eindrucksvoll bestätigt: Insgesamt 195 Patienten mit der speziellen Unterform der Leukämie wurden von den beteiligten Medizinern im Vorfeld der Stammzelltransplantation entweder intensiv vorbehandelt oder mit der niedrigen Dosierung. Wie in solchen Studien üblich, erfolgte die Einteilung nach dem Zufallsprinzip. Jetzt haben die Experten die Ergebnisse ausgewertet: Annähernd gleich blieb die Überlebensrate der Patienten nach drei Jahren, sie betrug in beiden Gruppen etwa 60 Prozent. Deutliche Unterschiede zeigten sich hingegen in der Frühphase: „Bei der weniger intensiven Konditionierung starb kein einziger Patient während des ersten Krankenhausaufenthaltes – bei hoher Dosierung aber bereits fast jeder Zehnte“, schildert Prof. Bornhäuser. Ein Jahr nach Behandlungsbeginn waren nur 8 Prozent der Patienten im neuen Schema, aber 17 Prozent mit hochdosierter Vorbehandlung verstorben. „Dank der geringeren Nebenwirkungsrate reduziert das neue Behandlungsschema die frühe Sterblichkeit unserer Patienten und kann zusätzlich zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen – und das bei den gleichen Heilungschancen“, resümiert Prof. Bornhäuser. Das in Spezialkliniken vorgenommene, besser verträgliche Behandlungsverfahren kann sich auf Grund der Ergebnisse dieser weltweit ersten randomisierten Studie als Standard für Patienten mit akuter myeloischer Leukämie etablieren.

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