Innovation

Blinde können durch Töne Bilder hören

Eine spezielle Brille erzeugt anhand des Raumes akustische Signale, mit der Blinde selbst Gesichtszüge wahrnehmen können. Die neue Sehhilfe aktiviert dabei bei Blinden den visuellen Kortex, der auch durch den Gehör- oder den Tastsinn angeregt und trainiert werden kann.

Im Rahmen einer Studie des Institut national de la santé et de la recherche médicale (Inserm) gelang es französischen Forschern, die für die visuelle Wahrnehmung verantwortlichen Abschnitte des Gehirns bei Blinden teilweise zu reaktivieren. Die maßgeblich beim Sehen beteiligte Partition des Gehirns nennt sich visueller Kortex. Die Wissenschaftler stellten fest, dass sich dieser, neben dem Sehen, auch durch andere Einflüsse stimulieren lässt. Mangels Reizen bleibt der visuelle Kortex bei Blindgeborenen in seiner Entwicklung zurück. Selbst bei einer Heilung der Blindheit könnte daher das Sehvermögen nicht wieder hergestellt werden.

Die Wissenschaftler konstruierten daher ein Gerät für sensorische Substitution (SSD). Dieses besteht aus einer Brille mit integrierter Kamera und einem Wiedergabegerät für Töne, beispielsweise einem kleinen Computer oder einem Smartphone. Die Kamera liefert zu jeder Zeit Bilder der Umgebung und wandelt diese in akustische Signale um. Je nachdem, was sich im Fokus der Kamera befindet, werden den Nutzern des Systems andere Töne vorgespielt. Eine schräge Linie wird dann beispielsweise durch einen höher oder tiefer werdenden Ton dargestellt.

Über akustische Signale könnten Blinde bald zusätzliche Informationen über ihre Umgebung erhalten. (Foto: Flickr/daveynin)

Über akustische Signale könnten Blinde bald zusätzliche Informationen über ihre Umgebung erhalten. (Foto: Flickr/daveynin)

Blinde konnten bereits nach 70 Unterrichtsstunden mit dem Gerät umgehen und Objekte auf Bildern richtig erkennen. Die Technik vermittelt den Blinden dabei eine Art Tonlandschaft. Die darin enthaltenen Informationen erlauben es Blinden, ihre Position in Räumen besser einzuschätzen oder grobe Gesichtszüge von Gesprächspartnern zu deuten. Auch das Entziffern von Worten und Buchstaben rückt mit SSD in den Bereich des Möglichen. Die Sehschärfe der Systemnutzer überstieg dabei den von der WHO für Blinde definierten Wert. „Sogar nach Jahren lassen sich bestimmte Gehirnregionen wieder aktivieren”, erklärt Laurent Cohen vom Inserm. Betroffene erhalten so „auch nach einem Leben in Blindheit Zugriff auf die Welt des Sehens”.

Neben dem rein praktischen Nutzen, den die Sehhilfe mit sich bringt, konnten die Forscher zudem belegen, dass die für das Sehen verantwortlichen Teile des Gehirns auch durch andere äußere Reize angeregt werden können. Bisher war es ungewiss, ob der visuelle Kortex bei Blinden überhaupt aktiviert werden kann. Die Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass er neben dem Sehen auch zur Erkennung und Analyse von Objekten dient. Der visuelle Kortex kann daher auch durch den Gehör- oder den Tastsinn angeregt und trainiert werden.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *