Arzneimittel

Finanzen: Polypharmazie belastet Patienten und Kassen

Je mehr Ärzte einen Patienten behandeln, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Übermedikation. Nimmt ein Patient zum Beispiel fünf bis zehn Medikamente gleichzeitig ein, so steigt damit die Gefahr, an einer Übermedikation zu sterben, auf 41 Prozent an.

Die Krankenkasse HKK hat eine Studie im Großraum Oldenburg/Bremen durchgeführt, die belegt, dass das Risiko von Polypharmazie mit der Anzahl der unterschiedlichen Ärzte steigt, die einen Patienten behandeln. Die Übermedikation wird noch verstärkt, je älter der Patient ist. Unter Polypharmazie versteht man die gleichzeitige Einnahme zweier oder mehrerer Arzneimittel.

„Weil es sich dabei vor allem um ältere sowie chronisch erkrankte Menschen handelt, wird sich das Problem mit der demografischen Entwicklung noch verschärfen“, heißt es in der Studie. Jährlich sind nach Schätzungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamenten für etwa 300.000 Krankenhausaufenthalte verantwortlich.

Die Uhr tickt: Patienten, die eine Vielzahl an Medikamenten gleichzeitig einnehmen, sollten dringend deren Wechselwirkungen überprüfen lassen. Sonst drohen u. a. Vergiftungen. (Foto: Flickr/ruffrootcreative)

Die Uhr tickt: Patienten, die eine Vielzahl an Medikamenten gleichzeitig einnehmen, sollten dringend deren Wechselwirkungen überprüfen lassen. Sonst drohen u. a. Vergiftungen. (Foto: Flickr/ruffrootcreative)

Polypharmazie stellt ein besonders hohes Risiko für die Patienten dar. Die Schätzungen des Bundesinstituts umfassen nicht die Inanspruchnahme von rezeptfreien Medikamenten, weshalb die Dunkelziffer der Wechselwirkungen noch viel höher sein dürfte.

Weitere schockierende Zahlen aus der HKK-Studie belegen, dass bei mehr als jedem vierten Patienten, dem im Jahr 2010 Arzneimittel verschrieben wurden, mindestens 20 Krankheiten diagnostiziert wurden. Nimmt ein Patient fünf bis zehn Medikamente gleichzeitig ein, so steigt die Sterblichkeitsrate auf 41 Prozent. Bei elf bis 15 Arzneimitteln erhöht sich der Anteil auf 55,8 Prozent. Darüber hinaus liegt er bei 82,4 Prozent.

Die Anzahl der Ärzte spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle: wird ein Patient von zwei Ärzten behandelt, steigt das Risiko von Polypharmazie bereits von zehn auf 30 Prozent an. Bei vier Ärzten steigt die Wahrscheinlichkeit auf 79,1 Prozent.

Polypharmazie erhöht auch die Wahrscheinlichkeit einer Vergiftung der Patienten. Von 226 stationär behandelten Patienten, die mindestens zwei Medikamente einnahmen, litten über 70 Prozent unter Polypharmazie. Daher müsse nun das „Problembewusstsein sowohl bei Ärzten als auch Patienten geschärft werden“, sagte Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG) und dem Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen einem Bericht der Ärzte-Zeitung zufolge.

Eine langfristige Strategie mit Einbindung der Apotheken könne schon helfen, so Braun. Außerdem sollten die behandelnden Ärzte regelmäßig „Zehn-Minuten-Tests“ durchführen, um Anzahl und Dosis von Medikamenten zu überprüfen.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *