Recht

Bundesgerichtshof: Arzneimittelwerbung darf nicht übertreiben

Arzneimittelhersteller müssen künftig bei der Werbung über ihre Produkte genauer auf Formulierungen achten. Beim Werbetext dürfen sie sich nur auf Studien stützen, die auf anerkannte wissenschaftliche Forschungen beruhen.

Die Werbung für neue Arzneimittel wurde vom Bundesgerichtshof in einem neuen Urteil eingeschränkt. Bei dem Werbetext dürfen sich die Pharmakonzerne nur auf Studien stützen, die „nach den anerkannten Regeln wissenschaftlicher Forschung durchgeführt wurden“, heißt es in dem Urteil. Dazu gehört auch, dass es sich bei der Studie um eine „placebokontrollierte Doppelblindstudie“ handeln müsse, „die durch die Veröffentlichung in den Diskussionsprozess der Fachwelt einbezogen worden ist“.

Der Hintergrund: Ein neues Diabetes-Medikament der Firma Novo Nordisk mit dem Wirkstoff Insulin detemir wurde mit dem Slogan beworben, es mache weniger dick als entsprechende Medikamente mit einem anderen Wirkstoff. Daraufhin hatte der Pharmakonzern Sanofi-Aventis, der den Wirkstoff Insulin glargin verwendet, gegen die Werbebotschaft geklagt.

Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, plädiert für eine Überprüfung des Mehrwertes neuer Medikamente. (Foto: G-BA)

Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, plädiert für eine Überprüfung des Mehrwertes neuer Medikamente. (Foto: G-BA)

Die Novo Nordisk bezieht sich in ihrer Werbung auf die Zusammenfassung der Ergebnisse aus mehreren Studien, die allerdings nicht den hohen Standards des BGH bezüglich des geprüften Placebo-Effektes entsprechen. Damit sichergestellt werden kann, dass die potenziellen Käufer des Medikamentes nicht in die Irre geführt werden, müssen diese in Zukunft auf die verminderte Aussagekraft solcher Studien hingewiesen werden.

Allerdings muss dieser zusätzliche Hinweis erst erbracht werden, wenn jemand die Wahrheit des Werbeslogans anzweifelt und dagegen klagt. Damit ist die Messlatte der Werbung für Arzneimittel in Deutschland etwas höher gelegt worden.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) lobte den deutschen Pharmamarkt indes bei einer Nutzenbewertung. Deutschland sei und bleibe „einer der weltweit attraktivsten Märkte für innovative Arzneimittel“, sagte Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des G-BA. In Deutschland erreichten rund 64 Prozent der Arzneimittel eine positive Bewertung. Im EU-Durchschnitt liege die Akzeptanz gerade mal bei der Hälfte der neuen Medikamente.

Das Verfahren zur Nutzenbewertung des G-BA stößt jedoch auf Kritik seitens der Pharmaindustrie: „Das primär auf Kostendämpfung statt Versorgungsqualität ausgerichtete Verfahren macht es Herstellern immer schwerer, innovative Produkte auf den Markt zu bringen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung führender Pharmaverbände.

Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, welches seit 2011 neue Medikamente auf deren Mehrwert für die Arzneimittel-Landschaft in Deutschland überprüft, steht dabei im Zentrum der Kritik. Das Gesetz sieht vor, bei den neuen Medikamenten die spürbaren Verbesserungen für die Patienten zu bemessen.

Außerdem soll es verhindern, dass immer wieder neue Medikamente mit neuen Namen und zu hohen Preisen auf den Markt gebracht werden. Viele Symptome können nämlich mit den bereits existierenden Medikamenten in ausreichendem Maß behandelt werden. Neue, verschreibungspflichtige Medikamente können daher für die Patienten und das Gesundheitssystem Mehrkosten verursachen.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *