Deutschland

Gegen Verschwendung: Müll-Guerilla sucht nach Lebensmitteln

Immer mehr Menschen suchen in deutschen Großstädten nach unverdorbenen Produkten in den Müllcontainern der Supermärkte. Gegen die Lebensmittelverschwendung könnte ein zusätzliches Datum helfen, an dem Lebensmittel ein potenzielles Gesundheitsrisiko darstellen.

Es ist nicht die Armut, die eine wachsende Zahl überwiegend junger Menschen dazu antreibt, nachts mit der Taschenlampe in den Müllcontainern hinter den Supermärkten auf die Suche nach unverdorbenen Lebensmitteln zu gehen. Vielmehr ist das sogenannte „Containern“ der Versuch, dem Ärger über die Verschwendung von Lebensmitteln in deutschen Großstädten Luft zu machen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) schätzt, dass jährlich weltweit etwa ein Drittel der produzierten Lebensmittel verschwendet wird.

Die aus dem Abfall geretteten Lebensmittel sind meistens Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdaten kürzlich abgelaufen sind oder die kurz davor stehen. Zu den geretteten Lebensmitteln gehören am häufigsten Obst und Gemüse sowie Brotwaren, die nach ihrer Rettung von den „Müll-Tauchern“ verzehrt oder aber zur kostenlosen Abholung im Internet angeboten werden. Die Müll-Taucher („Dumpster Divers“) sind eine Subkultur, die sich in den USA und in Europa aus dem Gedankengut der freien Veganer („freegans“) herausgebildet hat. Sie glauben nicht daran, dass es notwendig ist, für Lebensmittel zahlen zu müssen.

Jeder kann mitmachen: Einfach per E-Mail und Passwort anmelden und Waren anbieten. (Foto: Screenshot/DMN)

Jeder kann mitmachen: Einfach per E-Mail und Passwort anmelden und Waren anbieten. (Foto: Screenshot/DMN)

Die „Foodsharing“-Bewegung entstand in Deutschland zuerst in Berlin und in Köln. Nach sieben Wochen waren bereits über 8.000 Menschen aus ganz Deutschland auf www.foodsharing.de registriert, sagt der Berliner Organisator Raphael Fellmer einem Bericht von Reuters zufolge. Fellmer selbst befindet sich in einem Geld-Streik, der bereits drei Jahre lang anhält. Weder verdient er, noch gibt er Geld aus. Zusammen mit seiner Frau und seinem Kind nimmt er aus Überzeugung nur Lebensmittel zu sich, die vorher aus dem Müll gerettet wurden.

Auf foodsharing.de werden den Nutzern der Standort und der Inhalt von Essenskörben angezeigt, aus denen sie sich kostenlos je nach Bedarf bedienen können. Es gibt sogar eine Smartphone-App, die dem Nutzer mittels GPS-Technologie den nächstgelegenen Ort eines Essenskorbs und den Zeitpunkt der Abholung relativ zum eigenen Standort auf einer Karte anzeigt. Die Qualität der Ware kann wie bei einem Internet-Handel bewertet werden.

Für Menschen, die keinen Internetzugang haben, gibt es mittlerweile den ersten öffentlichen „Hot Spot“, an dem Lebensmittel anonym abgeholt werden können. Dieser befindet sich in einem Supermarkt in Berlin-Kreuzberg, in dem ein Kühlschrank steht, an dem sich jeder bedienen darf. Die meisten Waren darin wurden noch am Vortag zum Verkauf angeboten.

In Nordamerika und in Europa werden nach Angaben der FAO pro Kopf und Jahr zwischen 95 und 115 Kilogramm an Lebensmitteln verschwendet. Diese könnten nicht nur helfen, Menschen in ärmeren Ländern zu ernähren, sondern es könnten auch die Ressourcen für die Produktion dieser Lebensmittel gespart und die Preisentwicklung von Lebensmitteln moderater gestalten werden. Zum Vergleich: In Afrika und Südostasien werden im Jahr nur sechs bis elf Kilo pro Kopf verschwendet.

Die FAO untersucht auch Wege und Mittel, die Verschwendungskultur in den hochentwickelten Industrienationen zu minimieren. Es könnte zum Beispiel Sinn machen, die Gesetzgebung über die Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums zu ändern. Es fehlt die Angabe eines zusätzlichen Datums, an dem Lebensmittel ein potenzielles Gesundheitsrisiko darstellen. Das könnte dazu beitragen, dass Produkte auch über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus noch verzehrt werden.

Eine weitere Problematik besteht in der Verschwendung von Obst und Gemüse, das über angebliche optische Mängel verfügt: z. B. Tomaten, die den Händlern nicht rot genug sind, oder Obst, das zu groß, klein oder krumm gewachsen ist. Ein anderes Beispiel sind Bäckereien, die ihre Regale bis kurz vor Ladenschluss gefüllt halten, obwohl die Nachfrage nicht mehr zu erwarten ist.

Bei foodsharing.de kann jeder Händler und jede Privatperson mitmachen und einen Essenskorb mit Lebensmitteln kostenlos anbieten oder selber Essen abholen.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *