Forschung

Mythos: Die Gehirnforschung im Bann der Bilder

Die digitalen Bilder aus der Hirnforschung erscheinen als ein gutes Mittel, um das Denken des Menschen zu erklären. Viele Messinstrumente sind jedoch langsamer als die Nervenaktivitäten im Gerhirn, sodass voreilige Schlüsse gezogen werden können.

Durch Messungen des Blutdrucks, des Blutflusses und der Ströme im Gehirn sowie durch Magnet-Resonanz-Therapie (MRT) werden Bilder vom menschlichen Gehirn erzeugt, die dazu verleiten, voreilige Schlüsse zu Denkprozessen zu ziehen. Dadurch besteht die Gefahr, dass das komplexe Denken der Menschen auf bestimmte Farbmuster und Schemen reduziert wird. Einige Neurowissenschaftler äußern sich aber ohne Verlegenheit zu der Entstehung oder Lokalisierung von Moralvorstellungen oder dem „Philosophiezentrum“ im menschlichen Gehirn.

Gefühle wie Liebe, Hass oder Eifersucht können zwar nicht auf eine einzige Region des Gehirns zurückgeführt werden. Dennoch versuchen Neurowissenschaftler anhand digitaler, farblicher Bilder von Messinstrumenten kühne Rückschlüsse zu ziehen. Diese Bilder lassen den Eindruck entstehen, man könne dem Gehirn bei der Arbeit zusehen.

Kunterbunt: Was sagt dieses Bild über die Wirkungsweise des menschlichen Gehirns aus? (Foto: Flickr/Lavender Dreamer)

Kunterbunt: Was sagt dieses Bild über die Wirkungsweise des menschlichen Gehirns aus? (Foto: Flickr/Lavender Dreamer)

Allerdings handelt es sich nur um Simulationen von komplexen biologischen und chemischen Prozessen, deren digitale Visualisierung nur ein Modell ist, um sie ansatzweise zu verstehen. In seinem Buch „Neuromythologie“ will der Pharmakologe Felix Hasler vor diesem Trugschluss warnen. Denn auch Ökonomen, Marketingleute, Sozial- und Kulturwissenschaftler schmückten sich gern mit der Vorsilbe „Neuro-“ und illustrierten ihre Thesen durch Fleckenmuster, die Aktivität in diesem oder jenem Hirn-Areal anzeigen sollen, heißt es in einem Deutschlandradio-Bericht über Haslers Buch.

Die Muster eines „Hirn-Scans“ bilden nicht etwa das ab, was gerade in dem Gehirn geschieht, sondern sie sind vielmehr Auswertungen von komplexen Statistiken. Sie sind ein Konglomerat von unterschiedlichen Faktoren und Variablen, die anhand einer Vielzahl von Daten aus den Gehirnen der Probanden gesammelt werden. Historisch betrachtet sind die Neurowissenschaften der Versuch, den menschlichen Charakter in Bildern festzuhalten, den Mythos der menschlichen Gedanken besser zu verstehen.

Viele der Messinstrumente sind jedoch langsamer als die Nervenaktivitäten im Gehirn. Auch der Blutfluss ist langsamer. Erschwert werden die Messungen schon vom sogenannten neuronalen Grundrauschen, welches die informationstragenden Signale im Gehirn durch neuronale Aktivitäten überlagert. Die Bilder versprechen daher mehr, als sie halten können. Es besteht die Gefahr, dass voreilige Schlüsse gezogen werden. Das Ansehen der Neurowissenschaften leidet.

Die Kritik an den Bildern übt Hasler in dem zentralen Kapitel seines Buches auch im Zusammenhang mit der Pharmaindustrie. Psychopharmaka sind in der Psychiatrie seit den fünfziger Jahren immer mehr zum Einsatz gekommen; mit enormen wirtschaftlichen Vorteilen für eine Industrie, die davon profitiert, dass nach dem Menschenbild in der Gesellschaft die Lösung aller Probleme zuerst im Gehirn zu suchen ist.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *