Digitalität

App statt Arzt: Diagnose auf Knopfdruck

Gesundheits-Apps für Smartphones und Tablets sind groß im Kommen. Die Diagnose vom Arzt ersetzen sie jedoch nicht – man kann sich leicht in falscher Sicherheit wiegen oder aber in unbegründete Panik verfallen.

Der Markt für Gesundheitsprogramme für Smartphones boomt ähnlich stark wie das Trägermedium selbst. Etwa 200 Millionen Medizin-Apps gibt es heute bereits für das iPhone und dessen Konkurrenzprodukte von Samsung und Co.

Die Anbieter versprechen bedienerfreundliche Diagnosen ohne lange Wartezeiten beim Arzt – in Sekundenschnelle sollen die Ergebnisse vorliegen. Nirgendwo mehr als bei der Gesundheit gilt jedoch: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Wer sich auf die Ergebnisse der Gesundheits-Anwendungen verlässt, geht ein erhebliches Risiko ein, auf Falschdiagnosen hereinzufallen.

Gesundheits-Anwendungen für Smartphones und Tablets boomen. Die Diagnose-Apps sind jedoch nicht immer zuverlässig. (Foto: Flickr/University of Michigan

Gesundheits-Anwendungen für Smartphones und Tablets boomen. Die Diagnose-Apps sind jedoch nicht immer zuverlässig. (Foto: Flickr/University of Michigan

Geht es um Kennzeichen wie Körperfettanteil, Temperatur oder Gewicht, sind die Testresultate noch von relativ eingeschränkter Tragweite. Bei anderen Beispielen, wie einer App zur Pulsmessung,  können potentielle Fehldiagnosen bereits wesentlich schlimmere Folgen nach sich ziehen. Sollen gar gefährliche Krankheitsbilder überprüft werden, ist vom ausschließlichen Rückgriff auf die mobilen Anwendungen dringend abzuraten. Ansonsten kann man sich leicht in falscher Sicherheit wiegen oder aber in unbegründete Panik verfallen.

Untersuchungen wie jene von Laura Ferris und ihren Kollegen von der University of Pittsburgh veranschaulichen das Problem. Sie untersuchten die Möglichkeit, mit einer geeigneten App harmlose Leberflecke von gefährlichen Melanomen zu unterscheiden. Die getesteten Programme scannen dabei ein Bild der betroffenen Hautgruppe.

Zwei der Apps stuften dabei rund 30 Prozent der Melanome fälschlicherweise als gutartig ein, ein drittes Programm lag gar bei 90 Prozent der Fälle daneben.
Rechtliche Konsequenzen drohen bei krassen Fehldiagnosen wie diesen in Deutschland jedoch nicht. Ob Programme für Mobilgeräte unter das Medizinproduktegesetz fallen, ist nämlich noch nicht klar. Dieses Gesetz sorgt für die Einhaltung von Mindeststandards für alle medizinischen Geräte. Bis jetzt genügt für viele Hersteller schon eine kurze Anmerkung im Kleingedruckten, um sich vor allen möglichen Konsequenzen zu schützen: „Die App kann den Arztbesuch nicht ersetzen.“ Durch die fehlende Zertifizierungspflicht entgeht die große Mehrheit aller mobilen Anwendungen der Überprüfung als Medizinprodukt.

Noch sind kritische Studien relativ rar – bei jungen Branchen keine Seltenheit. Initiativen zur Kennzeichnung treffsicherer Apps im Gesundheitsbereich stecken meist noch in den Kinderschuhen. Auch deshalb hält sich das Risikobewusstsein bei den meisten Verbrauchern noch in Grenzen. Ein Hauptgrund, warum Skepsis gegenüber den digitalen Medizinanwendungen fälschlicherweise mit Rückständigkeit verwechselt wird.

Andere Tests haben auch beim Datenschutz erhebliche Mängel und potentiellen Missbrauch festgestellt. Bei manchen Anwendungen wird zum Beispiel die jeweilige Gerätenummer gespeichert, was Rückschlüsse auf den Benutzer zulässt. Das viel zitierte Bild des „gläsernen Patienten“ rückt damit immer näher.

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