Studie

EU-Sparpolitik ist eine Herausforderung für die Gesundheit

Experten sehen negative Auswirkungen der sozialen Kürzungen auf die gesundheitliche Entwicklung in den Krisenstaaten: In den letzten Jahren wurden für die medizinische Versorgung entweder Leistungen gestrichen oder die Gebühren erhöht.

Mediziner des European Observatory on Health Systems and Policies untersuchten den Effekt der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Gesundheitssysteme der europäischen Staaten. Gewisse Entwicklungen, wie etwa ein geringeres Unfallrisiko durch einen Verkehrsrückgang, seien demnach auf die Wirtschaftsflaute selbst zurückzuführen. Entscheidend dafür, wie sich die Krise auf die Gesundheitsversorgung eines Landes auswirkt, ist aber vor allem, wie der Staat reagiert. Erst die Kombination aus Wirtschaftsschock, Sparpolitik und Abbau der sozialen Sicherungssysteme führte zu den nun beobachtbaren Verschlechterungen.

In vielen Mitgliedsstaaten wurden in den letzten Jahren entweder Leistungen gestrichen oder die Gebühren für die medizinische Versorgung erhöht. Als Folge davon habe sich der langfristige Rückgang bei Selbstmorden seit 2007 ins Gegenteil verkehrt. Dramatisch ist auch die nachweisliche Verbreitung von Infektionskrankheiten in besonders von Ausgabenkürzungen und steigender Arbeitslosigkeit betroffenen Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal.

Der Trend sinkender Selbstmordraten hat sich seit Ausbruch der Krise umgekehrt. Die neue Studie macht die EU dafür verantwortlich. (Foto: The Lancet/European

Der Trend sinkender Selbstmordraten hat sich seit Ausbruch der Krise umgekehrt. Die neue Studie macht die EU dafür verantwortlich. (Foto: The Lancet/European

In Griechenland etwa stieg die Zahl von HIV-Infektionen stark an, vor allem weil die Drogenprävention zurückgefahren wurde. Erstmals seien sogar Malariafälle aufgetreten. Zudem wurden innerhalb der letzten zwei Jahre die Krankenhauskosten um 15 Prozent gedrückt, was unter anderem den Abbau von tausenden Krankenhausbetten bedeutete. Dramatisch ist die Lage vor allem, weil der Zugang zu adäquater medizinischer Behandlung durch die eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten spürbar erschwert wird. Es droht eine medizinische Zweiklassengesellschaft.

Dabei ginge es auch anders: Dass das Ausnahmeland Island bei der Bewältigung der Finanzkrise wesentlich besser gehandelt hat als die Eurozonen-Länder (hier), spiegelt sich auch im Gesundheitswesen wider, heißt es in der Studie. Die Bürger des nordischen Inselstaates verweigerten mittels Referendum zweimal die Zustimmung zur Sparpolitik des IWF. Stattdessen wurde weiterhin ins Gesundheitssystem und die soziale Absicherung der Bürger investiert. Die Forscher verweisen darauf, dass keine oder sehr geringe gesundheitliche Auswirkungen der Finanzkrise festgestellt wurden. Obwohl die Finanzkrise im Größenverhältnis zum BIP in Island die schlimmste in der Geschichte des Landes war, stiegen weder die Selbstmordrate noch die Zahl der Krankheitsfälle durch Suchtmittelmissbrauch.

Der EU-Kommission, deren gesetzliche Pflicht es eigentlich wäre, die Effekte der EU-Politik zu überwachen, werfen die Autoren vor, einfach wegzuschauen. Stattdessen würden sie sich sogar befleißigen, den nationalen Gesundheitsministerien Vorschläge für weitere Budgetkürzungen zu machen. Das Verhalten der Kommission und der einzelnen EU-Staaten gleiche den Verschleierungstaktiken der Tabakindustrie, so die Gesundheitsexperten.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *