Kliniken

OECD: Es herrscht Überversorgung bei stationären Leistungen

In Deutschland wird zu viel operiert, sagt die OECD. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist dies zurück und warnt davor, falsche Schlussfolgerungen zu ziehen.

Den Kliniken wird vorgeworfen, ihre Patienten wegen finanzieller Interessen viel öfter als nötig zu operieren. Die OECD-Studie mit dem Namen „Managing Hospital Volumes“ sieht Deutschland bei den Krankenhausaufenthalten vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hüftersatz und brusterhaltenden Operationen an der Spitze. Demnach verfügt Deutschland über 8,3 Betten pro 1.000 Einwohner. Höher liegen nur Korea und Japan. Die Autoren der Studie kritisieren, die stetige Ausweitung der stationären Angebote könne, ausgehend von einem ohnehin hohen Niveau, schon bald zu einer drohenden Überversorgung führen. Damit steht ihre Diagnose im Gegensatz zu der insbesondere von Ärztevertretern oftmals geäußerten Furcht vor Ärztemangel und Unterversorgung.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat am vergangenen Wochenende zu diesem Thema auf einer Konferenz in Berlin gesagt, man müsse sich die Frage stellen, ob in dem Gesundheitssystem „nicht auch Fehlanreize bestehen“. Es sollen lediglich die „Kliniken profitieren, die eine gute Behandlung anbieten und nicht die, die einfach nur mehr operieren“, so Bahr in einer Pressemitteilung des Bundesgesundheitsministeriums.

Auf eine Million Deutsche kommen 40,4 Kliniken. Damit steht Deutschland weltweit auf Platz sieben. (Grafik: OECD)

Auf eine Million Deutsche kommen 40,4 Kliniken. Damit steht Deutschland weltweit auf Platz sieben. (Grafik: OECD)

Die Universitätskliniken (hier die Berliner Charité) und die DKG halten den OECD-Bericht in Bezug auf Deutschland für unangemessen. (Foto: Flickr/dalbera)

Die Universitätskliniken (hier die Berliner Charité) und die DKG halten den OECD-Bericht in Bezug auf Deutschland für unangemessen. (Foto: Flickr/dalbera)

Die Einschätzung, dass in Deutschland mehr operiert wird, scheint sich mit einem Bericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zu decken: Innerhalb von fünf Jahren habe sich die Zahl der Wirbelsäulenoperationen mehr als verdoppelt. Auch Herzschrittmacher wurden 25 Prozent häufiger ausgewechselt als zuvor. Allerdings seien nur zehn Prozent der gestiegenen Operationen mit der demografischen Entwicklung zu erklären gewesen.

Wirbelsäulenoperationen gehören zu den wirtschaftlich lukrativen Eingriffen. Für eine Operation erhält eine Klinik etwa 12.000 Euro, berichtet das Magazin Focus. „Um den wirtschaftlichen Erfolg zu sichern, steigern Krankenhäuser die Menge ihrer erbrachten Leistungen“, kritisierte AOK-Vorstand Uwe Deh. Dafür gebe es aber keinen medizinischen Bedarf. Niemand dürfe „unnötig operiert werden“, sagte Deh.

Der OECD-Bericht besagt außerdem, dass die Krankenhausfinanzierung nur mangelhaft kontrolliert und vorliegende Versorgungsdaten zu wenig genutzt würden. Die Bundesländer hätten kaum Anreize, ihre Krankenhauskapazitäten zu überprüfen und gegebenenfalls abzubauen. Im Bedarfsfall sollten stattdessen andere Versorgungsbereiche gestärkt werden. Gemeint ist der ambulante Sektor. Zur Not muss der Bund die Länder bei der Finanzierung der Kliniken unterstützen. Vor zwei Wochen gab das Gesundheitsministerium bekannt, dass die Kliniken mit einer Finanzspritze von 880 Millionen Euro entlastet werden sollen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) setzt sich gegen die Studie der OECD zur Wehr: Sie warnt davor, durch den Vergleich mit weniger entwickelten oder staatlich stärker reglementierten Gesundheitssystemen falsche Schlussfolgerungen für Deutschland zu ziehen. Unter den 34 OECD-Ländern seien auch osteuropäische und Schwellenländer mit Nachholbedarf bei der stationären Versorgungsdichte. Der auch von diesen Ländern beeinflusste Durchschnittswert sei deshalb kritisch zu hinterfragen, sagte Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DKG. Auch der Verband der Universitätskliniken (VUD) übt Kritik: In einer Pressemitteilung fordert der VUD gar die Einführung eines „Systemzuschlages“ für Universitätskliniken, um deren Mehrkosten für die Ausbildung abzudecken.

Bei einer Reihe von Behandlungen nehme die Krankenhausversorgung unter den verglichenen Ländern nicht nur eine Spitzenposition beim Umfang, sondern auch bei der Qualität ein. Dies sei „als Ausdruck eines wünschenswert breiten und offenen Zugangs der Patienten zu stationären Leistungen“ zu werten, so Baum. Das Leistungsgeschehen sei eben nicht nur durch demografische Entwicklungen zu erklären. Medizinischer Fortschritt, größere Wahlmöglichkeiten für Patienten und niedergelassene Ärzte sowie die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems seien ebenso entscheidend. Baum sagte außerdem, der Anteil der Krankenhausausgaben am Bruttosozialprodukt liege in Deutschland eher im Mittelfeld und auch die Kosten der Krankenhausleistungen seien „alles andere als im Spitzenfeld angesiedelt“.

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