Gesundheitssystem

Unnötig: Enorme Kosten durch psychische Probleme

Seelische Leiden mit körperlichen Symptomen sind gesellschaftlich wenig akzeptiert. Die Ärzte konzentrieren sich in ihren Untersuchungen auf organische Ursachen. Daher werden wird das Leiden oft nicht gelindert.

Patienten, die unter einer somatoformen Störung leiden, nehmen Beschwerden wie bei einer körperlichen Erkrankung wahr, obwohl eine solche gar nicht vorliegt. Daher gehen sie oft von einem Arzt zum anderen, ohne dass ihnen geholfen werden kann. Denn rein organisch sind sie gesund. Die Symptome werden ausschließlich durch das Nervensystem vermittelt. Tatsächlich haben die Beschwerden seelische Ursachen.

Am häufigsten leiden die Patienten unter Rücken- oder Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit, Reizdarm oder Atemnot. Wenn die Ärzte hierfür keine hinreichende organische Erklärung finden, können die Beschwerden zunehmen und für die Betroffenen massive Belastungen darstellen.

Bei 50 Prozent aller Untersuchungen gibt es einen psychologischen Hintergrund. Gesucht wird jedoch vor allem nach organischen Ursachen. (Foto: Flickr/DIAC Images)

Bei 50 Prozent aller Untersuchungen gibt es einen psychologischen Hintergrund. Gesucht wird jedoch vor allem nach organischen Ursachen. (Foto: Flickr/DIAC Images)

Manfred Stelzig, Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut, hat im März 2013 ein Buch mit dem Titel „Krank ohne Befund“ veröffentlicht. Er nennt es eine Anklageschrift. Denn seit Jahrzehnten wachse die Fachliteratur, die sich mit der Problematik beschäftigte. Und trotzdem werde am eingefahrenen System zur Behandlung organischer Erkrankungen festgehalten.

Unter der Fixierung auf organische Erklärungen litten nicht nur die Patienten, zitiert DocCheck News den Autor. Auch den Sozialversicherungsträgern entstünden massive Kosten, denn von somatoformen Störungen sind viele Patienten betroffen.

Die Hälfte aller Untersuchungen werde durch Patienten mit somatoformen Störungen verursacht. In der Gynäkologie seien es sogar zwei Drittel, schreibt Stelzig. Mehrfachdiagnostik, häufige Hospitalisierung und Krankheitstage produzieren enorme Kosten.

Patienten mit einer Somatisierungsstörung belasten die Sozialsysteme insgesamt neunmal so stark wie ein Durchschnittspatient. Im ambulanten Bereich verursachen sie sogar 14-fach höhere Kosten.

Das größte Problem sei das Nichtwissen der Betroffenen, sagt Stelzig. Der leidende Mensch wünsche sich eine Operation, ein Pflaster oder ein Medikament. Denn so sei er aufgewachsen. So habe er es gelernt. „Und leider haben sich auch die meisten Ärzte daran gewöhnt“, so der Facharzt.

Den meisten Menschen sei gar nicht klar, dass ihre Psyche überfordert werde und dies auch zu körperlichen Symptomen führen könne. Zu stark seien die überlieferten Muster, dass Schmerzen oder andere körperliche Beschwerden immer eine organische Ursache hätten.

Als mögliche Hintergründe kommen aber unter anderem eine Depression, eine Angststörung, körperliche Folgezustände eines psychischen Traumas oder Faktoren wie eine genetische Veranlagung, soziale Probleme und psychische Belastungen infrage. Doch diese Diagnosen würden bei mehr als der Hälfte der Betroffenen nicht gestellt, sagt Stelzig. Das sei traurig für die Patienten und beschämend für das deutsche Gesundheitssystem.

Der Autor sagt, dass körperliche Beschwerden gesellschaftlich akzeptiert seien. Und auch seelisch belastet zu sein oder unter Stress zu leiden, sei in Deutschland anerkannt. Doch seelisch so zu leiden, dass sich eine seelische oder körperliche Erkrankung entwickelt, das werde stigmatisiert und abgewertet. Es löse Angst aus und werde mit Ausstoßungstendenzen von der Gesellschaft bestraft.

Doch Patienten, die unter somatoformen Störungen leiden, müssten ernst genommen werden, so Stelzig. Das Schlimmste sei, ihnen zu sagen, dass sie nichts hätten oder dass es nur psychisch oder psychosomatisch sei. Auch gut gemeinte Ratschläge wie auszuspannen, einen Gang herunterzuschalten oder Urlaub zu machen, hält Stelzig für kontraproduktiv.

Patienten mit somatoformen Störungen benötigten vor allem einen vertrauensvollen Umgang mit ihrem Arzt. „Es ist unabdingbar, genügend Zeit aufzuwenden, um dem Patienten die Mechanismen zu erklären, in ihm Verständnis zu wecken und eine Vertrauensbasis aufzubauen“, schreibt Stelzig.

Doch wenn im Hintergrund der Druck eines überfüllten Wartezimmers spürbar sei, dann werde es kaum möglich sein, ausreichend Zeit zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall empfiehlt Stelzig, einen Extratermin zu vereinbaren oder an einen Facharzt für Psychiatrie oder psychotherapeutische Medizin zu überweisen. Er fordert: „Räumen wir der Macht der Seele endlich mehr Raum ein – in der Schulmedizin.“

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *