Analyse

Nutzenbewertung: Krankenkassen im Dauerstreit mit der Industrie

Der GKV-Spitzenverband fordert weitreichendere Regeln für die Nutzenprüfung im Gesundheitssektor. Neben Medikamenten sollen in Zukunft auch andere medizinische Produkte durchleuchtet werden. Unternehmens-Vertretern geht schon die derzeitige Regelung zu weit.

Die Patientenversorgung sollte sich nach Einschätzung der gesetzlichen Krankenversicherung stärker am Nutzen für die Behandlung orientieren. Der GKV-Spitzenverband fordert eine Ausweitung der Nutzenprüfung für neue Produkte im Gesundheitsbereich. In Zukunft sollen nicht nur Medikamente, sondern beispielsweise auch Artikel aus dem Bereich Medizintechnik einer noch eingehenderen Prüfung unterzogen werden.

Die Aufgabenliste für die neue Bundesregierung in Sachen Gesundheitspolitik sei lang, sagt dazu Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes. Das gelte für Nutzenbewertungen bei riskanten Medizinprodukten bis zur Möglichkeit einzelner Qualitätsverträge zwischen Kassen und Kliniken. Das von der schwarz-gelben Koalition verabschiedete Arzneigesetz habe gezeigt, dass der Zusatznutzen für Patienten tatsächlich in den Mittelpunkt gerückt werden könne, zitiert Reuters die GKV-Chefin.

Seit Anfang 2011 müssen Medikamentenhersteller zur Markteinführung in umfangreichen Dossiers darlegen, welchen Zusatznutzen ihre Substanzen erbringen. Erkennt der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken den Zusatznutzen an, legen Kassen und Hersteller binnen eines Jahres in Verhandlungen einen Preis fest.

Von der Pharmaindustrie wird das Verfahren schon lange scharf kritisiert. Die Nutzenbewertung und die inzwischen üblichen Preisverhandlungen mit den Krankenkassen seien ein großes Hemmnis für die Pharmafirmen, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Verbands forschender Pharma-Unternehmen, Birgit Fischer. „Das sind Restriktionen, die massiv in den Markt eingreifen“, so Fischer.

„Das Gesundheitswesen ist stark reguliert und träge“, meint auch Henning Vöpel vom wirtschaftsliberalen Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut. Vor allem gelte das für die klinische Forschung sowie bei den Zulassungsverfahren. Die Unternehmen fürchten hier neue Restriktionen. Eine Verschärfung der Zulassungskriterien führe dazu, dass Innovationen sich verzögerten und Therapien den Patienten unnötig länger vorenthalten würden.

Einige Präparate wurden vom Bundesausschuss wegen fehlendem Zusatznutzen bereits abgelehnt, so etwa das Diabetes-Medikament Trajenta des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. Dass die deutschen Patienten durch die gesetzlichen Regelungen vom medizinischen Fortschritt abgekoppelt würden, wird von den Kassen aber vehement abgestritten. Für sie bringt die Ausdehnung auf weitere Produkte mehr Sicherheit und eine stärkere Orientierung am behandlungstechnischen Mehrwert für die Patienten.

Simon Moser

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