Diagnose

Burn-out-Syndrom: Modephänomen oder Krankheitsbild?

Immer mehr Menschen leiden unter psychischen Erkrankungen, meist hervorgerufen durch Stress im Arbeitsleben. Mit der Diagnose Burn-out sind Ärzte oft schnell bei der Hand. Doch langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass dieses Phänomen kein eindeutiges Krankheitsbild beschreibt.

Psychische Erkrankungen werden in unserer schnelllebigen Zeit oft fälschlich als Burn-out-Syndrom interpretiert. (Foto: Flickr/Red Bull Trinker)

Psychische Erkrankungen werden in unserer schnelllebigen Zeit oft fälschlich als Burn-out-Syndrom interpretiert. (Foto: Flickr/Red Bull Trinker)

Psychische Krankheiten sind in den westlichen Gesellschaften weiter auf dem Vormarsch. Oft wird als Ursache das Burn-out-Syndrom genannt. Viele Experten warnen aber mittlerweile vor einer Vermischung der Erscheinungsformen Burn-out, Stress und Depressionen.

Burn-out sei häufig eine Folge einer Gratifikationskrise im Job, sagt Hans Joachim Thimm, Leitender Oberarzt der Allgemeinen Psychiatrie der Dortmunder Klinik. Dabei gehe es nicht allein um Geld, zitiert ihn das Ärzteblatt. „Es geht um Anerkennung und um einen sicheren Arbeitsplatz. Verausgabung und Belohnung müssen sich die Waage halten“, sagt Thimm. Er sieht drei Gruppen von Betroffenen. Die eine habe ein übersteigertes Anspruchsniveau und eine hohe Neigung, sich zu verausgaben. Andere träfen für sich die Entscheidung, ein unfaires Arbeitsverhältnis zeitweise zu akzeptieren. Die dritte Gruppe sei einfach vom Job abhängig und arbeite lieber zu unfairen Bedingungen als gar nicht.

Die Betroffenen seien müde, matt, abgeschlagen, würden von innerer Unruhe, Reizbarkeit, Nervosität, Aggressivität und innerer Gespanntheit geplagt. „Burn-out ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern immer auch ein Problem des Betriebs.“ Das Syndrom könne nicht einmal als eine Hauptdiagnose im Sinne der Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation verschlüsselt werden. Trotzdem hat der Begriff Burn-out jedoch auch eine erhebliche medizinische Relevanz. Er ist Grundlage nicht weniger Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und gewinnt damit eine gesundheitsökonomische und gesundheitspolitische Bedeutung.

„Ausgebranntheit“ kann sich nämlich durchaus zu einer Depression weiterentwickeln. Diese Diagnose umfasst eine absolute Hoffnungslosigkeit oder Erschöpfung, Teilnahmslosigkeit. „Da können Sie nicht einmal einen Scherz in der Gegenwart der Betroffenen wagen“, sagt Thimm. Manche Patienten wollten solch eine Diagnose nicht wahrhaben. Die soziale Akzeptanz für das Phänomen Burn-out ist da ungleich höher. Gemäß den Ansprüchen der modernen Leistungsgesellschaft gehört es fast schon zum guten Ton, sich völlig für seinen Job aufzuopfern – und dabei über seine gesundheitlichen Grenzen hinauszugehen.

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