Prävention

Regierung: Gesundes Verhalten ist eine Bürgerpflicht

Ein neuer Gesetzentwurf zur Gesundheitsförderung und Prävention will die Bürger stärker in die Pflicht nehmen. Nur wer auf sich achtet, soll in Zukunft vollen Anspruch auf Leistungen des Gesundheitssystems haben. Für die Regierung sind Eigenverantwortung und Solidarität zwei Seiten einer Medaille. Die äußeren Umstände, auf die die Bürger keinen Einfluss haben, werden aber vernachlässigt.

Bewegung und Ernährung hilft bei der Prävention von Krankheiten. Die Eigenverantwortung der Bürger kann sich aber am besten in gesunden Lebensräumen entfalten. (Foto: Flickr/adifansnet)

Bewegung und Ernährung hilft bei der Prävention von Krankheiten. Die Eigenverantwortung der Bürger kann sich aber am besten in gesunden Lebensräumen entfalten. (Foto: Flickr/adifansnet)

Der neue Plan der Bundesregierung zur Förderung der Prävention nimmt das Individuum in die Pflicht. „Eine Solidargemeinschaft funktioniert nur, wenn der Einzelne tut, was er tun kann, um gesund zu bleiben“, sagte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) in einer Parlamentssitzung. Den Bürgern wird empfohlen, sich gesünder zu ernähren, mehr Sport zu treiben und sich weniger Stress auszusetzen. Was als guter Rat zur Vermeidung von Krankheiten in einen Gesetzesentwurf zur Förderung der Prävention geschrieben wurde, vernachlässigt den aktuellen Forschungsstand der Gesundheitswissenschaft (Public Health).

Die Krankenkassen sollen den Bürgern dabei helfen, gesund zu bleiben, indem sie den gesunden Versicherten Angebote machen, die den „allgemeinen Gesundheitszustand verbessern“ sollen (Sozialgesetzbuch V). Dabei kann es sich um sportliche Aktivitäten, Kochkurse und Entspannungskurse handeln. Das Budget für solche Aktivitäten soll nun verdoppelt werden, die privaten Krankenversicherer sind hiervon allerdings ausgeschlossen.

Der Entwurf des BMG wird von der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH) und dem Deutschen Netzwerk Evidenzbasierter Medizin (DNEbM) kritisiert. Denn er legt rechtliche Grundlagen für die Verpflichtung auf ein gesundes Verhalten. Diese Strategie impliziert, dass in Zukunft Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen mehr und mehr verknappt werden könnten, wenn Patienten nachweislich einen ungesunden Lebensstil pflegen. Dabei wird ignoriert, dass es nicht ausschließlich an der Willenskraft und in der Macht des Individuums liegt, gesund zu bleiben.

Die Forschung unterscheidet einem Bericht von heise.de zufolge zwischen Verhaltensprävention und Verhältnisprävention. Der Entwurf des Bundesgesundheitsministerium (BMG) konzentriert sich ausschließlich auf den ersten Punkt: die Pflicht eines jeden Bürgers, auf sich zu achten und damit dem Gesundheitssystem und der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen. Er berücksichtigt nicht die äußeren Umstände (Verhältnisse), die für die Gesundheit förderlich oder hinderlich sein können.

Die Verhältnisprävention setzt dagegen darauf, die krankmachenden Einflüsse der Umwelt auf das Individuum zu reduzieren. Dazu gehören zum Beispiel Verbote für bestimmte Chemikalien in Lebensmitteln oder Pflegeprodukten (mehr hier), Impfungen und Arbeitsschutzregeln.

Zu den Verhältnissen gehören auch soziale Faktoren.

Demnach werden die oben genannten Angebote in der Regel eher von Menschen in Anspruch genommen, die ohnehin gesünder sind und über mehr finanzielle und soziale Möglichkeiten verfügen. Menschen mit geringen Gesundheitschancen profitieren fast nie von solchen verhaltenspräventiven Maßnahmen. Dies wird im Fachjargon als Präventionsparadox bezeichnet.

Anders ausgedrückt: Wer ärmer ist, ist in der Regel auch kränker. Das Einkommen hat einen direkten Einfluss auf die Gesundheit. Wer zu den Armen zählt, erhält weniger als zwei Drittel des Durchschnittseinkommens in Deutschland und hat ein doppelt so hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden.

Der Ansatz der Bundesregierung erhöht also die Ungleichheit der Gesundheitschancen umso mehr, wenn er nicht die Lebenswelten der Menschen beachtet. Sämtliche Akteure der Gesundheits- und Sozialversorgung könnten dabei mit einbezogen werden, fordert der Paritätische Gesamtverband.

Prävention ist nicht nur Aufgabe des Gesundheitssystems. Auch Unternehmen, Behörden, staatliche Regulierungsstellen, Städte, Kommunen und Länder können dafür sorgen, dass das Umfeld der Bürger gesundheitsfördernder wird. Die Grundlagen für eine gesunde Entwicklung liegen in den Familien, den Arbeitsstätten, Bildungseinrichtungen und Stadtvierteln.

 

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *