Demografie

Überalterung beschert Krankenkassen riesiges Finanzierungsloch

Den gesetzlichen Krankenkassen fehlen Rückstellungen in Höhe von mindestens einer Billion Euro, um das System der Gesundheitsversorgung zu finanzieren. Auch die privaten Gesundheitsversicherungen stehen vor enormen finanziellen Problemen. Der Grund: Die Gesellschaft kann sich die Überalterung nicht mehr leisten.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr und Sozialministerin Ursula von der Leyen stehen vor einem Scherbenhaufen: Es ist unklar, wie die gesetzlichen Krankenversicherer die kommenden Jahre bewältigen werden. (Foto: DMN/Chaperon)

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr und Sozialministerin Ursula von der Leyen stehen vor einem Scherbenhaufen: Es ist unklar, wie die gesetzlichen Krankenversicherer die kommenden Jahre bewältigen werden. (Foto: DMN/Chaperon)

Eine aktuelle Studie des Instituts für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) schätzt die Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) auf mindestens 1,1 Billionen Euro bis zum Jahr 2060. Als Grund wird der Demografiewandel angegeben. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass in der Altersklasse bis 50 Jahre mittlerweile bereits 25 Millionen Menschen fehlen, um die deutsche Bevölkerung auf einem stabilen Niveau zu halten. Das Umlageverfahren der GKV in seiner jetzigen Form – besser bekannt unter dem Stichwort „Generationenvertrag“ – sei deshalb nicht am Leben zu erhalten.

Die Unterfinanzierung der GKV betrage mindestens sechs GKV-Jahresausgaben, also mindestens 1,1 Billionen Euro. Reformansätze eines vereinheitlichten Krankenversicherungssystems („Bürgerversicherung“) seien für dieses Problem keine Lösung. Wenn die Bürgerversicherung komme, würden die vorhandenen Rückstellungen der privaten Krankenversicherungen nur ein Zehntel des Bedarfs decken, sagte Thomas Drabinski vom IfMDA den Deutschen Gesundheits Nachrichten. „Es müssen in den nächsten 20 Jahren Rücklagen für die Generation der Baby-Boomer aufgebaut werden“, so der Studienleiter. Der Generationenvertrag sei aufgrund der Finanzierungslücke aber bereits jetzt als aufgekündigt zu betrachten.

Mindestens genauso stark wie die gesetzlichen dürften auch die privaten Krankenversicherungen (PKV) von der demografischen Entwicklung betroffen sein. Das Hauptargument für eine Versicherung bei den privaten Kassen waren stets genau jene Rücklagen für hohe Behandlungskosten im fortgeschrittenen Alter, an deren Fehlen die GKV so krankt. Doch angesichts ständig steigender Beiträge wird immer deutlicher, dass auch das System der PKV für die Versicherten kaum noch Vorteile bietet. Dabei sollte die Finanzierung für private Kassen eigentlich wesentlich leichter sein als für ihre gesetzlichen Gegenstücke. Ihre vorwiegenden Kundengruppen – Selbstständige, Freiberufler, Beamte, gut verdienende Angestellte – sind nämlich wesentlich weniger risikoanfällig.

Doch der starke Wettbewerb unter den Anbietern um diese attraktive Zielgruppe führt gerade nicht zu niedrigen Prämien. Im Gegenteil: Langfristig zahlen die Versicherten hohe Beiträge, um damit billige Einstiegsangebote und hohe Verkaufsprovisionen der Makler zu finanzieren. Den starken Prämienerhöhungen im Alter sind die Versicherten dann meist ausgeliefert, würden sie doch bei einem Versicherungswechsel alle Ansprüche auf die Rückstellungen verlieren. Eine Rückkehr in die GKV ist ohnehin nicht möglich.

Würde künftig die „Bürgerversicherung“ eingeführt werden, würden hier auch Personen mit hohen Einkommen aus Kapitalerträgen oder Mieten eingegliedert werden. Betroffen wären darüber hinaus Beamte. Sie sind aktuell automatisch über die PVK versichert und profitieren von staatlichen Beihilfen. Private Kassen müssten sich dann auf Zusatzversicherungen beschränken.

Die Befürworter einer solchen Politik erwarten sich durch die Vereinheitlichung der Krankenkassen ein höheres Maß an Beitragssolidarität. Komfortable Behandlungsmethoden und teure Sondereingriffe wären dann nur noch über Zusatzpolicen zu bekommen. Wer mehr Service und bessere Versorgung will, müsste dafür bezahlen. Die Grundversorgung hingegen soll für alle gleich sein.

Mit dem Nebeneinander von privater und staatlicher Gesundheitsfinanzierung steht Deutschland unter den europäischen Staaten mittlerweile ziemlich allein da. Profiteure vom dualen System sind am ehesten noch die Ärzte. Die oft teureren Behandlungen von Privatpatienten machen bei vielen niedergelassenen Haus- und Fachärzten einen überproportional großen Anteil ihrer Einkünfte aus. Wenig verwunderlich also, dass die Ärztevertreter am vehementesten für die Beibehaltung des „System-Wettbewerbs“ eintreten.

Auch die Studienautoren vom IfMDA setzen bei der Bewältigung der Billionen-Löcher auf eine Weiterführung des jetzigen Modells, wenn auch unter erheblichem Reformbedarf. Der politische Wind scheint sich jedoch langsam in Richtung Einheitsversicherung zu drehen. Der demografische Druck macht einen Systemwandel unumgänglich.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *