Ärztefehler

Arzt im Praktischen Jahr wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Erstmals ist ein Arzt im Praktischen Jahr wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Im August 2011 hatte der junge Mediziner eine falsche Spritze verabreicht und so den Tod eines Kleinkinds verursacht.

Eine falsche Spritze führte zum Tod eines Babys. Sowohl der Arzt als auch die Klinik tragen eine Mitschuld an dem tragischen Versehen. (Foto: Flickr/mkdaily)

Eine falsche Spritze führte zum Tod eines Babys. Sowohl der Arzt als auch die Klinik tragen eine Mitschuld an dem tragischen Versehen. (Foto: Flickr/mkdaily)

Ein Fehler des jungen Arztes hatte zum Tod eines Säuglings geführt. Ihm droht das Ende seiner ärztlichen Karriere.

Helmut W. war damals 29 Jahre alt und stand kurz vor dem Abschluss seines Medizinstudiums, berichtet DocCheck News. Seit circa einer Woche war er als Arzt im Praktischen Jahr auf der Kinderstation des Evangelischen Krankenhauses Bielefeld tätig. Dort wurde gerade ein zehn Monate alter Leukämie-Patienten behandelt.

Helmut W. sollte am 22. August 2011 eigentlich nur Blut abnehmen. Doch er verstand die Handlungsanweisungen falsch und dachte, dass er auch ein Antibiotikum geben solle. Zudem verabreichte er das Medikament intravenös, obwohl es durch den Mund einzunehmen ist. Kurz darauf verstarb der Säugling.

Im Oktober 2012 kam es zur Verhandlung vor dem Amtsgericht Bielefeld. Die Richter sprachen von „mangelnder Sorgfalt“. W. hätte in Erfahrung bringen müssen, welches Medikament zu verabreichen sei. Zudem habe er ohne ärztliche Order gehandelt. Ein Organisationsverschulden der Klink konnten die Richter nicht erkennen.

Daher wurde W. wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen zu je 15 Euro verurteilt. Der Beklagte legte Berufung gegen das Urteil ein. Denn es würde zu einem Vermerk in seinem polizeilichen Führungszeugnis führen, was gleichbedeutend wäre mit dem Ende seiner ärztlichen Karriere.

In zweiter Instanz wiesen nun Zeugen und Gutachter auch dem Krankenhaus eklatante Fehler nach. So wurden bis zum verhängnisvollen Tag identische Spritzen für oral oder intravenös zu verabreichende Medikamente verwendet, obwohl dieses System schon damals umstritten war. Erst nach dem tödlichen Irrtum kam es zu einer Umstellung, die neuen Spritzen passten nun nicht mehr an die Infusionssysteme. Geeignete Produkte seien aber schon früher auf dem Markt gewesen, sagten die Richter des Landgerichts Bielefeld.

Der zuständige Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld beteuerte, es habe sehr wohl Unterschiede bei Spritzen gegeben, nämlich durch Etiketten mit Patientendaten, Medikament und Dosierung sowie durch eine Nadel mit Schutzhülle. Im besagten Fall war die Spritze nicht mit einer Nadel mit Schutzhülle versehen, was für ein orales Präparat sprechen sollte.

Doch ein Kommilitone von W. kannte diese vermeintlichen Standards nicht und monierte häufigen Personalwechsel auf der Station. Darüber hinaus habe es weder feste Ansprechpartner noch konkrete Anweisungen zur Medikamentengabe gegeben. Der Sachverständige Bernhard Marschall, Studiendekan aus Münster, sprach von „Organisationsmängeln“. Ärzte im Praktischen Jahr seien „das kleinste Rädchen im Getriebe“.

Eine Krankenschwester belastete den jungen Arzt jedoch schwer. Mit den Worten „Hier ist das orale Antibiotikum“ habe sie eine Spritze mit Cotrimoxazol ins Zimmer gebracht, während der Student gerade Blut abnahm. W. erinnert sich nur an den Satz: „Hier ist das Medikament.“ Er kannte die Patientenakte nicht. Bei einer morgendlichen Besprechung war er nicht anwesend gewesen.

Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, sagte, er sehe drei unterschiedliche Problemfelder. Primär müssten Chefärzte in akademischen Lehrkrankenhäusern für Standards sorgen, auch bei der Betreuung angehender Ärzte. Ein Organisationsverschulden der Klinik lasse sich ebenfalls nicht von der Hand weisen. Dennoch habe W. ohne Zweifel falsch gehandelt: „Wenn ein Arzt in Ausbildung etwas tut, muss er wissen, dass er das Richtige tut.“

Das Landgericht Bielefeld bestätigte zwar den Tatbestand der fahrlässigen Tötung. Doch Richter Wolfgang Lerch verringerte die erstinstanzlich verhängte Strafe auf 90 Tagessätze, da er die organisatorischen Defizite im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld als schuldmindernd einstufte. Im polizeilichen Führungszeugnis wird nun kein Eintrag zu finden sein. Die Staatsanwaltschaft könnte jedoch erneut in die Revision gehen.

Die jungen Ärzte in Deutschland sind nach dieser bundesweit ersten strafrechtlichen Verurteilung eines Arztes im Praktischen Jahr verunsichert. „Leider haben die Richter zunächst mehr Verunsicherung als Klärung geschaffen. Denn junge Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung fragen sich, was sie in Zukunft tun dürfen und was nicht“, sagte Windhorst. Helmut W. hat Anfang 2013 seine Approbation erhalten und arbeitet mittlerweile in einem Krankenhaus.

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