Forschung

Lebensmittelallergie: Pockenvirus ist Basis für Impfstoff

Etwa jeder zwanzigste Deutsche leidet unter einer Lebensmittelallergie. Bisher half den Betroffenen nur, die jeweiligen Produkte zu vermeiden. Doch nun arbeiten Forscher an einer neuen Impfung: ein Pockenvirus könnte Abhilfe schaffen.

In Deutschland leiden Schätzungen zufolge etwa fünf Prozent der Kinder und drei bis vier Prozent der Erwachsenen unter einer Lebensmittelallergie. Bisher half den Betroffenen nur, die allergieauslösenden Produkte zu vermeiden. Eine Hyposensibilisierung wie bei Pollenallergien ist bisher bei Lebensmittelallergien nicht verbreitet. Dies könnte sich nun allerdings ändern. Ein Forscherteam des Paul-Ehrlich-Instituts, dem deutschen Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, hat unter der Leitung des Lebensmittelchemikers Stefan Vieths eine Methode entwickelt, um mit Hilfe eines abgewandelten Impfvirus eine Hyposensibilisierung durchzuführen.

Lebensmittelallergiker haben Grund zur Hoffnung. Forscher haben eine Methode entwickelt, die eine Impfung gegen diese Allergien ermöglicht. Die Methode basiert auf einem modifizierten Pockenvirus. (Bild: flickr/AJC1).

Lebensmittelallergiker haben Grund zur Hoffnung. Forscher haben eine Methode entwickelt, die eine Impfung gegen diese Allergien ermöglicht. Die Methode basiert auf einem modifizierten Pockenvirus. (Bild: flickr/AJC1).

Während bei einer Nahrungsmittelintoleranz keine toxischen oder allergischen Symptome auftreten, kann eine Lebensmittelallergie im schlimmsten Fall sogar zu einem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock führen. Das Ausmaß der Allergie kann individuell stark variieren. Häufige Symptome sind Schleimhautreizungen im Mund-, Nasen- und Rachenraum sowie im Magen-Darm-Bereich. Betroffene leiden häufig unter Atemproblemen, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall.

Bei dieser Hyposensibilisierung wird das modifizierte Vacciniavirus Ankara (MVA) dazu benutzt, die genetische Information des Allergens in den Körper zu transportieren. Im Körper wird die Information dann abgelesen und anschließend wird das darauf codierte Protein gebildet. Das Immunsystem kommt dadurch erst mit Allergenfragmenten auf der Oberfläche spezifischer Immunzellen in Kontakt. Die Forscher erwarten daher keine allergischen Reaktionen, wie sie bei Aufnahme des Allergens über die Nahrung erfolgen.

Das MVA gehört zwar zur Familie der Pockenviren, hat aber mit dem pockenauslösenden Variolavirus ansonsten wenig gemein. Denn MVA kann sich nach Infektion einer Zelle nicht mehr vermehren und somit leicht vom Immunsystem ausgeschaltet werden. Die Forscher nutzen das Pockenvirus, um den Körper auszutricksen. Da der Körper die genetische Information aus einem Virus ausliest, reagiert er auf das synthetisierte Protein, als würde es sich um ein Virusprotein handeln.

„Eine Virusabwehr bewirkt im Körper eine sehr starke TH1-Zellantwort. Bei Allergien hingegen liegt eine dominante TH2-Antwort vor. Über MVA können wir dieser in Richtung nicht-allergische Immunantwort gegensteuern“, so Vieths.

Der Einsatz von MVA hat sich in vielen klinischen Prüfungen in der Infektionsmedizin bereits als sicher erwiesen. Sobald die virusinfizierte Zelle durch das Immunsystem abgetötet wurde, ist auch das Virus nicht mehr im Körper nachweisbar. Zudem wurde diese Art der Hyposensibilisierung bereits erfolgreich an Mäusen getestet. Dies führte zum einen zur vollständigen Eindämmung der Allergiesymptome und zum anderen zu einer Impfschutzdauer von bis zu 24 Wochen. Auf den Menschen übertragen würde das einem Impfschutz von mehreren Jahren entsprechen.

„Eine mögliche Anwendung unseres Systems bestünde in der prophylaktischen Impfung“, sagt Stefan Vieths.

So wäre es beispielsweise denkbar, Kinder von hochallergischen Eltern mit Kombinationsimpfstoffen gegen wichtige Allergene wie Milcheiweiß, Erdnüsse, Hühnereiweiß und Hausstaubmilben zu sensibilisieren. Dafür müssen die Forscher allerdings noch die Frage klären, wie sich ein solcher Kombinationsimpfstoff auf den Organismus auswirkt.

„Denn es nützt wenig“, so Vieths, „ein Kind vor einer Hühnereiallergie zu schützen, wenn es dann eine Weizenallergie entwickelt.“ Die Pharmaunternehmen wittern schon das große Geschäft mit flächendeckenden Impfungen.

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *