Arbeitsmarkt

Studie: Ärztemangel ist ein Mythos der Lobbyisten

Eine Studie des IW Köln hat ergeben, dass es in den kommenden Jahren nicht zu wenig Ärzte geben werde. Es gebe genug Absolventen und Einwanderer, um die aus dem Berufsleben scheidenden Ärzte zu ersetzen. Lediglich die regionale Verteilung der Ärztedichte sei ein Problem. Der Ärztemangel sei damit ein Mythos der Lobbygruppen der Mediziner.

Aktuelle Arbeitsmarktlage im Medizinerberuf. Der BA gemeldete Stellen und Arbeitslose im Erwerbsberuf Humanmediziner (Grafik: IW Köln/Sonderauswertung der BA)

Aktuelle Arbeitsmarktlage im Medizinerberuf. Der BA gemeldete Stellen und Arbeitslose im Erwerbsberuf Humanmediziner (Grafik: IW Köln/Sonderauswertung der BA)

Der Arbeitsmarkt für Mediziner in Deutschland sei mit genügend Arbeitskräften versorgt. Einerseits gebe es genügend Absolventen, die die aus dem Berufsleben scheidenden Ärzte ersetzen könnten. Andererseits sei Deutschland ein Zuwanderungsland, wenn es um die Migration von Medizinern gehe. Das besagt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW).

Bis 2015 werden jährlich 6.600 Ärzte altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Pro Jahr gibt es aber über 10.000 Absolventen, die als frisch ausgebildete Ärzte auf den Arbeitsmarkt drängen.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, das gilt auch für Ärzte. Derzeit arbeiten 31.000 Ärzte in Deutschland, die ihren Abschluss im Ausland gemacht haben. Nur 24.000 in Deutschland ausgebildete Ärzte haben sich dazu entschlossen, ihren Beruf außerhalb Deutschlands auszuüben.

Praktizierende Ärzte (Kopfzählung) pro 1.000 Einwohner im Jahr 2011 (Grafik: IW Köln/OECD 2013)

Praktizierende Ärzte (Kopfzählung) pro 1.000 Einwohner im Jahr 2011 (Grafik: IW Köln/OECD 2013)

Pro 1.000 Einwohner leben in Deutschland 3,8 Ärzte. Dieses Verhältnis liegt im europäischen Vergleich in der Spitzengruppe.

Dass es eine regional unterschiedliche Verteilung dieser Ärztedichte gibt, will das IW Köln nicht bestreiten und weist darauf hin, dass es vor allem in ländlichen Regionen an niedergelassenen Ärzten fehle.

Durch den demografischen Wandel steigt der Bedarf nach ärztlichem Personal. Bis 2025 müssen jedes Jahr 9.500 Ärzte ersetzt werden. Laut der IW-Studie erlaube es die Einwanderungspolitik jedoch, auch diesen erhöhten Bedarf an Medizinern in Deutschland zu decken.

Das Statistische Bundesamt beziffert die Kosten eines Arztes, der seine Ausbildung in Deutschland abgeschlossen hat und im Ausland praktiziert, auf ungefähr eine Million Euro über die gesamte Erwerbszeit des Arztes.

Dieser Betrag setzt sich zusammen aus den Ausbildungskosten, die in Deutschland weitgehend kostenlos sind und nicht durch Gebühren gegenfinanziert werden müssen. Der Rest sind Steuereinnahmen, die dem Staat entgehen.

Das IW Köln kritisiert diese Berechnung. Viele amtliche Statistiken könnten die Wanderungsbewegungen im Ärztebereich nicht vollständig erfassen, da sie lediglich das Merkmal der Staatsangehörigkeit verwendeten. „Um das Gesamtmaß der Zuwanderung adäquat erfassen zu können, sind jedoch Informationen zur Migrationshistorie einer Person notwendig“, heißt es in der Studie.

Wichtig sei nämlich nicht die Nationalität der Mediziner, sondern wie hoch die Differenz zwischen zu- und abgewanderten Ärzten in und aus Deutschland sei. Es seien 68.700 Humanmediziner in Deutschland erwerbstätig, „die zu einem vorherigen Zeitpunkt nach Deutschland zugewandert oder zurückgewandert waren“. Knapp die Hälfte von ihnen sei bereits vor dem Erwerb ihres medizinischen Abschlusses nach Deutschland eingewandert und „daher nicht als zugewanderte Humanmediziner im bildungsökonomischen Sinne zu verstehen“. Sie hätten ihre Ausbildung in Deutschland erhalten und seien daher auch dem inländischen Potenzial zuzurechnen.

Die Warnungen von ärztlichen Interessenvertretern vor einem bestehenden oder zukünftig zu befürchtenden Mangel an Ärzten seien daher „nur bedingt durch die Faktenlage berechtigt“. Seit August 2011 sei die Nachfrage nach Humanmedizinern rückläufig, meldet die Bundesagentur für Arbeit (BA). „Bis zum Mai 2013 fiel sie um ein Viertel.“ Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Humanmediziner ist in dem Betrachtungszeitraum leicht gestiegen und liegt derzeit bei knapp 13 Prozent.

„Für flächendeckende, den gesamten Berufsstand umfassende Fachkräfteengpässe findet sich derzeit keine empirische Evidenz“, lautet die Schlussfolgerung des IW Köln. Der Zuwanderungssaldo an Ärzten, die nach Deutschland kommen, sei den vielen Numerus-Clausus-Flüchtigen geschuldet, die nach ihrer Ausbildung im Ausland nach Deutschland zurückkehrten.

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  1. “ Laut der IW-Studie erlaube es die Einwanderungspolitik jedoch, auch diesen erhöhten Bedarf an Medizinern in Deutschland zu decken.“

    Um noch mehr Ärzte ins Krankenhaus zu holen, die sich mit ihren Patienten aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse kaum verständigen können und bei denen je nach Herkunftsland die Qualifikation nicht unbedingt mithalten kann… genial