Atomkatastrophe

Kinderarzt warnt vor Radioaktivität aus Fukushima

Der Kinderarzt Dr. Alex Rosen glaubt, dass die Katastrophe von Fukushima erst begonnen hat. Rosen erwartet 10.000 bis 20.000 neue Krebserkrankungen in Japan durch Fukushima-Fallout– und diese Zahl könnte noch deutlich steigen. Da Krebs oft nur schlecht behandelbar ist, setzen Ärzte auf Prävention. Das Menschenrecht auf Gesundheit kann nur gewährleistet werden, wenn alle Atomkraftwerke weltweit abgeschaltet werden.

Fukushima in Japan:     Besonders Kinder und ungeborenes Leben sind verwundbar. Die Ärzte können nicht helfen: Gegen Radioaktivität gibt es keine Medikamente. (Foto: Flickr/dacheket/CC BY 2.0)

Fukushima in Japan: Besonders Kinder und ungeborenes Leben sind verwundbar. Die Ärzte können nicht helfen: Gegen Radioaktivität gibt es keine Medikamente. (Foto: Flickr/dacheket/CC BY 2.0)

Der Berliner Kinderarzt und IPPNW-Aktivist Dr. Alex Rosen warnt vor einer Verharmlosung der Ereignisse in Fukushima. Rosen sagte den Deutschen Gesundheits Nachrichten: „Das ganze Ausmaß der Katastrophe werden wir erst in Jahren, vermutlich in Jahrzehnten erkennen. Der Reaktor-Unfall wird gravierende Gesundheitsfolgen haben. Die Strahlen-Folgen können auch die Nachkommen in künftigen Generation betreffen.

Rosen verlangt eine umfassende Gesundheits-Untersuchung zunächst der betroffenen Arbeiter: „Mehr als 24.000 Menschen wurden in zum Teil völlig unzureichender Schutzkleidung zu den Aufräum-Arbeiten auf das Gelände geschickt. Zehntausende waren mit der Dekontamination in der Präfektur Fukushima beschäftigt. Diese Menschen, sowie die Bevölkerung müssen untersucht werden, und zwar nicht nur auf Schilddrüsen-Erkrankungen. Wir gehen davon aus, dass etwa 10.000 bis 20.000 zusätzliche Krebserkrankungen in Japan als Folge von Fukushima auftreten werden – vielleicht sogar mehr.“

Die IPPNW (Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) hat bereits in einer Untersuchung im März 2013 ermittelt, dass die Katastrophe nach WHO-Daten bis zu 66.000 Opfer fordern könnte.

Das Problem sei, „dass sich nie eine eindeutige Ursache für eine Krebserkrankung nennen lässt. Kein Krebs trägt ein Ursprungs-Siegel“. Dies werde von der Atom-Industrie dazu genutzt, die Folgen herunterzuspielen. Rosen: „Dabei ist es absolut unbestritten, dass Radioaktivität in höchstem Maß krebserregend ist. Besonders anfällig sind Kinder, Föten und Menschen mit Immunschwächen.“

Der Berliner Kinderarzt Dr. Alex Rosen fordert die weltweite Abschaltung von Atomkraftwerken. (Foto: IPPNW)

Der Berliner Kinderarzt Dr. Alex Rosen fordert die weltweite Abschaltung von Atomkraftwerken. (Foto: IPPNW)

Die mangelnde Beweisbarkeit im konkreten Einzelfall habe dazu geführt, dass die Atom-Industrie behaupten könne, die Krebserkrankungen wären auch ohne einen Atom-Unfall aufgetreten. Rosen: „Hinzu kommt, dass großen Studien meist von Wissenschaftler durchgeführt werden, die der Atom-Industrie nahestehen und von ihr bezahlt werden.“ Rosen nennt als Beispiel den Briten Richard Wakeford. Dieser wird von der Internationalen Atom-Energie Organisation (IAEO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als einer der wichtigsten Gutachter bei Atomunfällen herangezogen. Dabei hatte er zuvor 30 Jahre für British Nuclear Fuels gearbeitet – einer Firma, die Atombrennstoff produziert. Seit er in Rente ist, arbeitet er unter anderem für die Atomanlage in Sellafield – als hoch dotierter Berater.

Die WHO hat keine eigene Abteilung für Strahlenschutz. Sie bezieht ihre Expertise von der IAEO – einer Organisation, die ausdrücklich zu dem Zweck gegründet wurde, für die Verbreitung von Kernenergie tätig zu werden. Kritische WHO-Wissenschaftler wie Keith Baverstock wurden dagegen geschasst, wenn sie kritische Positionen vertreten.“

Tatsächlich gibt es Untersuchungen, die ermittelt haben, welche Folgen der Reaktorunfall in Tschernobyl für Europa hatte. Die Studie von Elizabeth Cardis listet peinlich genau auf, welche Erkrankungen in welchen Gegenden zu erwarten sind.

Cardis hatte die Studie im Auftrag der WHO erstellt.

Die WHO weigert sich bis heute, die Studie zu veröffentlichen.

In diesem Umfeld ist das systemische Versagen der Politiker praktisch vorprogrammiert – wie man am Beispiel Fukushima beobachten kann. Rosen: „Unmittelbar nach der Katastrophe hatte das japanische Parlament in einem Untersuchungs-Bericht ein vernichtendes Urteil über die Betreiberfirma TEPCO gefällt. Das Desaster sei trotz Erdbeben und Tsunami rein menschengemacht und vermeidbar gewesen. Es sei zurückzuführen auf die Korruption in der japanischen Atom-Industrie.“ Japan habe alle AKWs ausgeschaltet – „eine absolut richtige Entscheidung“, wie Rosen meint.

Doch zwei Jahre später ist die Atom-Lobby wieder im Einsatz und fordert die Öffnung und sogar den Neubau von Atomkraftwerken.

Die Rechnung bezahlen die Einwohner in der Präfektur von Fukushima. Rosen: „Menschen, die wegziehen wollen, werden davon abgehalten. Sie bekommen keine Unterstützung, schon gar keine finanzielle.“

Auch die gesundheitliche Hilfe ist ein Skandal. Rosen: „Kinder in Fukushima erhalten alle zwei Jahre eine kurze Ultraschalluntersuchung von offizieller Stelle. Sie haben kein Recht auf eine Zweitmeinung. Wenn sie zu einem anderen Arzt gehen, wird dieser aufgefordert, die Menschen nicht zu untersuchen. Die Patienten bekommen auch keine Ultraschall-Bilder oder Befunde ausgehändigt. Das Menschenrecht auf Gesundheit wird in Fukushima mit Füssen getreten.“

Rosen sieht das Grundübel der Atomkraft in einer einfachen Tatsache begründet: „Es gibt keine Therapie gegen Strahlenerkrankungen. Man kann zwar viele Krebs -Arten behandeln, aber es gibt keine Möglichkeit, das Entstehen von Krebs durch Radioaktivität zu verhindern.“ Rosen will, dass solche Katastrophen mit dem Blick auf den einzelnen gesehen werden: „Uns geht es nicht um Panik-Mache. Es geht uns um jeden einzelnen Menschen, der wegen eines Atom-Unfalls Schaden an seiner Gesundheit nimmt.“ Seine radikale Konsequenz: „Es gibt ein Grundrecht des Menschen auf Gesundheit. Die einzige Möglichkeit, wie die Gesellschaft dieses Grundrecht achten kann, ist, indem es zu einem weltweiten Verzicht auf die Atomenergie kommt.“

Die Tatsache, dass es zum Unglück in Fukushima gekommen ist, sieht Rosen auch als Niederlage für seine eigene Organisation, die IPPNW, an: „Wir haben jahrelang mit dem Ziel gearbeitet: Es darf nie wieder ein Tschernobyl geben. Auch für uns bedeutet Fukushima ein Scheitern.

Es ist bemerkenswert: Die Mahner streuen Asche auf ihr Haupt.

Die Schuldigen und Profiteure machen weiter, als wäre nichts gewesen.

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