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EU will Bürger bei Gesundheit zu mehr Verantwortung erziehen

Mehr Bildung und stärkere Rechte sollen die Verbraucher in der EU in die Lage versetzen, sich besser über ihre Gesundheit zu informieren. Innerhalb der EU ist der Wissensstand über Gesundheitsthemen sehr unterschiedlich. EU-Bürger sollen „Co-Produzenten“ ihrer eigenen Gesundheit werden. Davon profitieren vor allem die Pharmafirmen.

Sportangebote werden häufiger wahrgenommen, wenn Bürger ein profundes Wissen über dessen Nutzen für ihre Gesundheit besitzen. (Foto: Flickr/zoetnet/CC BY 2.0)

Sportangebote werden häufiger wahrgenommen, wenn Bürger ein profundes Wissen über dessen Nutzen für ihre Gesundheit besitzen. (Foto: Flickr/zoetnet/CC BY 2.0)

Innerhalb der EU hat knapp die Hälfte der Bevölkerung (47%) zu wenig Wissen über Gesundheitsthemen. Das geht aus einem Papier des Europäischen Gesundheitsforums Gastein (EHFG) hervor. Unter Gesundheitsliterarizität (health literacy) versteht die Akteure das Wissen und die Befähigung der Menschen, sich ausreichend über die Aufrechterhaltung des eigenen Wohlbefindens informieren und danach handeln zu können.

Erstellt wurde das Papier von dem Pharmareisen MSD, dem Europäischen Patienten Forum (EPF), dem Komitee der Europäischen Ärzte (CPME) und der Maastricht University.

Die Ergebnisse des Forums fassen die Untersuchungen von acht Mitgliedstaaten zusammen. Unter ihnen befanden sich Österreich, Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Irland, die Niederlande, Polen und Spanien. In diesen Ländern zeigten 41 Prozent der befragten Menschen ein begrenztes Verständnis der eigenen Gesundheit. 43 Prozent konnten mit dem Begriff Krankheitsprävention nichts anfangen und über der Hälfte (51%) fällt es schwer, den Begriff Gesundheitsförderung zu fassen.

Je größer das Verständnis über die eigene Gesundheit ist, desto seltener entwickeln Menschen chronische Krankheiten und desto gesünder sind die Entscheidungen, die ihren Lebensstil entwickeln, argumentieren die Initiatoren. EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg will daher über den Start einer EU-weiten Strategie der Bewusstseins- und Informationsförderung diskutieren.

Direkte Werbung von pharmazeutischen Erzeugnissen an die Patienten ist in der EU verboten. Verschiedene Interessengruppen der Pharmaindustrie versuchen, dieses Verbot zu kippen. Verbraucherschützer schlagen schon seit Jahren Alarm. „Unter dem Deckmantel der ‚Information‘ soll die direkte Beeinflussung der Patienten erfolgen“, sagte Thomas Isenberg in einem Bericht der Zeitung Welt.

Pharmaunternehmen profitieren in den USA sehr davon, ihre Produkte öffentlich bewerben zu können. So stiegen innerhalb von zehn Jahren nicht nur die Ausgaben für Werbung von 55 Millionen auf 2,5 Milliarden US-Dollar. Innerhalb von nur fünf Jahren erhöhten sich die Ausgaben für verschreibungspflichtige Medikamente von 79 auf fast 155 Milliarden Dollar. Da erscheint es logisch, dass die Pharmafirmen die Bürger der EU intensiver über ihre Produkte informieren wollen.

Der Unterschied des gesundheitlichen Bildungsniveaus sei nicht nur zwischen den Mitgliedstaaten groß. Auch innerhalb der einzelnen Staaten gibt es große Unterschiede in den Bevölkerungsschichten, sagt die EU. So hätten ältere, kranke und arme Bürger ein niedrigeres Bildungsniveau als andere Bevölkerungsschichten.
Bildung sei „immens wichtig“, sagte Sylvain Giraud, Vorsitzender des Gesundheits- und Verbraucherdirektorats der Europäischen Kommission. Studien zufolge lebt ein 30-jähriger Mann mit einem Universitätsabschluss im Schnitt 17 Jahre länger aufgrund seines größeren Wissens um Gesundheitsthemen.

Von einer bewussteren Lebensweise und besseren Informationspolitik versprechen sich die EU-Kommissare weniger Kosten für Krankenhausaufenthalte, Behandlungen und Verschreibungen. Die Strategie zielt auf die Eigenverantwortung der Bürger ab. EU-Bürger sollen als „Co-Produzenten von Gesundheit“ erzogen werden, sagte Kaisa Immonen-Charalambous, Senior Advisor beim EPF in einem Bericht von Euractiv. Nur so könnten die Gesundheitssysteme ihre größte Wirkung entfalten, ergänzte die bulgarische EU-Parlamentarierin Antonia Parvanova.

Das gesamte System „muss transparenter gestaltet“ werden, so Josef Probst, Generaldirektor des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger. Das gelte für die Ernährungspolitik sowie für die Lesbarkeit und Verständlichkeit von Beipackzetteln bestimmter Medikamente. Wenn die Kaufentscheidung der Bürger durch eine solche Initiative zugunsten ihrer eigenen Gesundheit beeinflusst werden könne, dann sei das eine weitaus größere und erfolgversprechendere Investition als Geld, das in die Institutionen des Gesundheitssystems fließe, so Probst.

Zur Transparenz gehört aber auch die Veröffentlichung aller Studien, die während der Entwicklung von Medikamenten erstellt werden. Die Pharmaindustrie weigert sich vehement, alle Studien öffentlich zugänglich zu machen, da dies auch solche Medikamente betreffen würde, die nicht erfolgreich sind. Durch gezielte Lobbyarbeit sollen die Patienten dazu gebracht werden, eine entsprechende EU-Direktive abzulehnen. Darin sollen alle klinischen Prüfungen für neue Medikamente sofort veröffentlicht werden.

Die Ergebnisse klinischer Studien könnten von der Öffentlichkeit „fehlinterpretiert“ werden könnten, argumentieren die Pharmavertreter. Das könne Angst in der Bevölkerung um die eigene Gesundheit auslösen. Transparenz und Information enden offenbar an der Grenze der Interessen der Pharmaindustrie.

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