Chemieindustrie

Medikamente und Pflanzenschutz retten Chemieindustrie

Die großen Chemiekonzerne sehen keine Konjunkturerholung. Richtige Profite sind nur mit Arzneimitteln und Insektengift zu machen. Daher sind in diesen Bereichen die Lobbyisten besonders aktiv.

: Blick auf die Industriestadt Leverkusen. Das Pharma- und das Pflanzenschutz-Geschäft sind die profitabelsten Zweige des dort ansässigen Bayer-Konzerns. (Foto: Flickr/leisergu/CC BY 2.0)

: Blick auf die Industriestadt Leverkusen. Das Pharma- und das Pflanzenschutz-Geschäft sind die profitabelsten Zweige des dort ansässigen Bayer-Konzerns. (Foto: Flickr/leisergu/CC BY 2.0)

Sinkende Verkaufspreise, die schwächelnde Konjunktur und ein starker Euro – all das macht der Chemieindustrie zu schaffen. Branchengrößen wie Bayer, Evonik und Wacker Chemie können die von der Politik beschworene Erholung nicht ausmachen.

Die Hoffnung auf stärkeren Rückenwind von der Konjunktur in den verbleibenden Wochen des laufenden Jahres haben die Konzerne aufgegeben. Auch der Euro-Kurs dürfte nicht spürbar sinken, was den europäischen Herstellern im internationalen Geschäft Probleme bereitet.

Bayer macht derzeit vor allem gute Geschäfte mit Arznei- und Pflanzenschutzmitteln. Beide Sparten verhalfen den Leverkusenern im abgelaufenen Quartal zu einem Anstieg des operativen Gewinns um 7,7 Prozent auf knapp zwei Milliarden Euro. Das Kunststoffgeschäft MaterialScience macht Konzernchef Marijn Dekkers dagegen zu schaffen. Branchenweit gibt es zu viele Fabriken. Die Folge: Die Preise sinken, die Umsätze stagnieren.

Bayer ist Branchenführer bei Polycarbonat-Kunststoff, der unter anderem im Autobau und für die Herstellung von DVDs und CDs eingesetzt wird. Zwar stieg der operative Gewinn der Plastik-Sparte, aber das lag nur an Einnahmen aus dem Verkauf einzelner Bereiche. Das Segment kämpft seit geraumer Zeit mit einer schwachen Nachfrage. Dekkers hatte deshalb ein Sparprogramm aufgelegt, 700 Stellen fallen weltweit weg.

„Wir behalten unsere Konzernprognose bei, auch wenn diese zunehmend ambitioniert ist“, sagte der Niederländer. Den operativen Gewinn will der Traditionskonzern 2013 um einen mittleren einstelligen Prozentsatz steigern. Doch bei der Umsatzerwartung muss Dekkers nun leichte Abstriche machen. Für das Gesamtjahr stellte er ein Plus von 4 bis 5 Prozent auf rund 40 Milliarden Euro in Aussicht – ohne Währungseffekte und ohne Zu- oder Verkäufe.

Die Belastungen durch den starken Euro bezifferte Dekkers für das dritte Quartal auf 130 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr rechnet Bayer mit 200 bis 250 Millionen Euro an Einbußen. Vor allem die in Dollar, Yen und wichtigen lateinamerikanischen Währungen erzielten Umsätze werden geschmälert – nach Umrechnung in Euro.

Währungseffekte trafen im dritten Quartal auch den Essener Rivalen Evonik, wenngleich in geringerem Umfang, da sich der Spezialchemie-Konzern stärker abgesichert hat. Umsatz und Gewinn sanken, aber nicht ganz so deutlich, wie von Analysten befürchtet. Operativ blieb noch ein Gewinn von 518 Millionen Euro, rund ein Viertel weniger als vor einem Jahr. Mit sinkenden Preisen muss Evonik vor allem im Geschäft mit der Gummi- und Kunststoffindustrie sowie bei Aminosäuren für Tiernahrung kämpfen.

Konzernchef Klaus Engel erwartet 2013 weiter stagnierende Umsätze und ein Betriebsergebnis von rund zwei Milliarden Euro nach 2,59 Milliarden Euro im Jahr 2012. Wie Bayer tritt auch Evonik verstärkt auf die Kostenbremse, um die Einbußen abzufedern. Engel hatte im September ein neues Sparprogramm vorgelegt. Branchenkreisen zufolge will er rund 1000 Stellen bis Ende 2016 abbauen – rund 3 Prozent der Belegschaft.

Anders als Evonik blieb die Münchner Wacker Chemie hinter den Erwartungen vieler Experten zurück. Der Überschuss brach im Sommerquartal überraschend stark ein – und zwar um 81 Prozent auf 5,4 Millionen Euro. Niedrigere Preise, vor allem für Silizium für die Solarindustrie und für Halbleiterscheiben, setzten Wacker zu. Zudem belastete auch hier der starke Euro. Der Umsatz ging um 3 Prozent auf 1,17 Milliarden Euro zurück. Wacker Chemie leidet als Lieferant des Ausgangsstoffs Polysilizium unter der Krise der Solarbranche.

Vorstandschef Rudolf Staudigl hatte im Sommer die Jahresziele gekippt und niedrigere Erlöse sowie einen Mini-Gewinn angekündigt. 2013 soll ein Umsatz von rund 4,5 Milliarden Euro erzielt werden, das Jahresergebnis soll „leicht positiv“ ausfallen.

Die Zahlen der Unternehmen liegen im Branchentrend. Der Chemie-Branchenprimus BASF hatte bereits in der vergangenen Woche vor anhaltenden Belastungen durch einen starken Euro gewarnt.

Die Chemiekonzerne dürften angesichts dieser unerfreulichen Aussichten ihre Lobbytätigkeit in Brüssel verstärken: Die Zulassung von neuen Medikamenten und Pflanzenschutzmitteln könnte das Ergebnis der Konzerne retten.

Die Folgen für die Gesellschaft sind eine ganz andere Sache.

Die großen Saatgut-Konzerne haben bereits eine erste Offensive auf Brüssel gestartet.

Es wird nicht der einzige Sturmlauf bleiben.

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