Begrüßungsrede des Präsidenten der DGZMK beim Festakt zur Eröffnung des Deutschen Zahnärztetages 2013

Sehr geehrte Präsidenten und Vorsitzende,liebe Kolleginnen und Kollegen,sehr geehrte Damen und…

Sehr geehrte Präsidenten und Vorsitzende,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren

ich begrüße Sie ganz herzlich zur Eröffnung des Deutschen Zahnärztetages 2013 hier in der Frankfurter Paulskirche. Bei dieser wichtigsten zentralen Veranstaltung der Zahnmedizin in Deutschland kommen Wissenschaft und Standespolitik zusammen, um gemeinsam etwas für die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis zu bewirken. Dabei fällt der DGZMK naturgemäß die Rolle der Wissenschaft zu. Nun ist bei näherem Besehen diese Rolle in der zahnärztlichen Landschaft gar nicht so einfach zu definieren. Das liegt vermutlich nicht zuletzt daran, dass die Wissenschaft einerseits Projektionsfeld von vielen Hoffnungen, Erwartungen und Wünschen ist, und – da die natürlich nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen können – andererseits auch gleichzeitig zum Auslöser von Enttäuschung, Frustration oder Ablehnung wird.

Die Rolle der Wissenschaft lässt sich vielleicht einfacher definieren, wenn wir das ganze einmal aus der Perspektive der zahnärztlichen Praxis betrachten – als jemand der mit einer niedergelassenen Zahnärztin verheiratet ist, ist mir das ja durchaus nicht fremd. Die zahnärztliche Praxis befindet sich neben der ständigen wirtschaftlichen Herausforderung in einem zusätzlichen Spannungsfeld, das unter anderem durch drei Größen definiert wird: da sind zahnärztliche Selbstverwaltung und Standespolitik auf der einen Seite, da sind Wissenschaft und Forschung auf der anderen, die für die Ausbildung und Vermittlung des ständig wachsenden Wissens sorgen sollen und da sind Industrie und Dentalhersteller als dritte Größe, die mit neuen Produkten in die Praxis drängen. Alle drei Bereiche haben dabei die Aufgabe oder nehmen für sich in Anspruch, das Pflänzchen zahnärztliche Praxis in ihrer Mitte zu fördern - durch Informationen, durch Innovation, durch Fortbildung oder durch anderweitige Aktivitäten.

Welche Rolle soll nun die Wissenschaft in diesem Spannungsfeld spielen und wie positioniert sie sich gegenüber den Erwartungen der Politik und Standespolitik, der Industrie und der zahnmedizinischen Praxis?

Das wofür die Wissenschaft steht, und was sie zu bieten hat, ist so einfach wie fundamental: Glaubwürdigkeit durch Unabhängigkeit. Neutralität gegenüber politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Interessen - das ist ihr eigentliches Kapital. Wissenschaft informiert und berät "neutral" auf dieser Basis. Deshalb stellt sie sich immer in den Dienst der Sache– aber nicht in den von politischen Institutionen oder persönlichen Interessen -, denn sie muss inhaltlich ihren eigenen Regeln folgen und eine unabhängige Stimme haben. Das mag dem einen oder anderen umständlich, schwerfällig und unnötig kompliziert erscheinen. Eine erfolgreiche Kooperation zwischen Politik und Wissenschaft für die zahnmedizinische Praxis kann jedoch nur gelingen, wenn die Eigenheiten einer eigenständigen Rolle in dieser Zusammenarbeit respektiert werden. Zumal die Weiterentwicklung der zahnmedizinischen Praxis auf Dauer ohne diese unabhängige Rolle der Wissenschaft als neutraler Faktor im Zusammenwirken der drei Größen kaum vorstellbar ist:

Betrachten wir die Beziehung zwischen Wissenschaft und Industrie, so schauen wir auf ein deutlich komplexeres Konstrukt. Nicht zuletzt wegen der offenbar gegensätzlichen inneren Ausrichtung – Gewinnerzielung versus Wissensvermehrung – wird diese Liaison häufig misstrauisch beäugt und gerne unter Generalverdacht gestellt. Da wird schon mal in Einlassungen zu diesem Thema der „dentalmedizinisch-industrielle“ Komplex bemüht, um eine enge Verflechtung von Wissenschaft und wirtschaftlichen Interessen zu thematisieren und vielleicht Parallelen zu dem „militärisch-industriellen Komplex“ zu insinuieren, vor dessen demokratiegefährdenden Verflechtungen seinerzeit der US Präsident Dwight D Eisenhower in seiner Abschiedsrede warnte. Nun bin ich anders als Eisenhower in meiner heutigen Abschiedsrede weit davon entfernt, eine Kooperation zwischen Industrie und Wissenschaft zu dämonisieren, denn diese Zusammenarbeit ist für die Weiterentwicklung unseres Faches unverzichtbar. Man stelle sich nur einmal vor, bei der Entwicklung neuer Medizinprodukte oder Medikamente würde eine Kooperation zwischen Wissenschaft und Industrie aus grundsätzlichen Erwägungen oder zur Prävention von Lobbyismus als inakzeptabel angesehen.

Aber es ist natürlich auch klar, dass diese Verbindung keine Liebesheirat oder Vetternwirtschaft sein kann, bei der die Interessenlagen nicht mehr evident oder transparent sind. Vielmehr handelt sich immer um eine befristete Zweckehe, die sich sehr wohl der unterschiedlichen Gründe und Motive der beiden Partner für dieses Zusammengehen bewusst sein muss. Und von wissenschaftlicher Seite müssen wir deshalb auch darauf achten, dass diese Zusammenarbeit den Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis gehorcht, was unter anderem heißt, dass beispielsweise auch negative Ergebnisse von gemeinsam mit der Industrie durchgeführten Untersuchungen der wissenschaftlichen und fachlichen Community zugänglich gemacht werden müssen, um so den häufig beklagten „publication bias“ durch das Unterdrücken unerwünschter Studienresultate zu vermeiden. Ein gutes Beispiel für eine solche kontrollierte Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft sind die Ausschreibungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Hier werden gewissermaßen unter öffentlicher Aufsicht Unternehmen und forschende Institutionen in wissenschaftlichen Projekten zusammengeführt, um gemeinsam an der Lösung einer bestimmten Frage oder der Weiterentwicklung einer bestimmten Idee zu arbeiten. Gerade diese Art von Forschung möchte die DGZMK durch die Gründung der Agentur für Wissenschaftsförderung in diesem Jahr unterstützen. Durch die allmähliche Schaffung von Netzwerken und Forschungsverbünden soll so einerseits die in unserem Fach so schwach aufgestellte Drittmittelgeförderte Forschung gestärkt und andererseits durch hierbei entstandene Infrastruktur auch unabhängige wissenschaftliche Arbeit nachhaltig gefördert werden.

Neben der Entwicklung von innovativen Behandlungsansätzen stellt die Bewertung von Therapien und Techniken eine weitere Ebene im Verhältnis von Wissenschaft und Industrie dar. Da die daraus abgeleiteten Behandlungsempfehlungen oder Leitlinien versorgungspolitisch durchaus eine normative Kraft entfalten und dadurch eine auch kommerziell sehr weitreichende Wirkung haben können, ist hier die strikte Wahrung von Neutralität und Unabhängig eine unverzichtbare Eigenschaft. Wir haben uns zwar daran gewöhnt, dass kommerzielle Beziehungen zu Leitlinienrelevanten Firmen kenntlich gemacht werden. Allerdings wurden bisher nur in wenigen Fällen Konsequenzen im Hinblick auf mögliche Interessenskonflikte und deren Auswirkung auf die Mitarbeit in den Gremien gezogen. Dies wurde kürzlich von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft kritisch anhand einiger medikamentöser Leitlinienempfehlungen angemerkt. Hier gerät eine wertvolle Möglichkeit der Unterstützung der täglichen Arbeit in ein gefährliches Zwielicht und wir müssen von wissenschaftlicher Seite alles tun, um diese Gefahr abzuwenden. Natürlich ist es illusorisch, zu glauben, dass in der kommunikativ vernetzten Welt von heute Experten nicht auch mit entsprechenden Industriepartnern in Kooperation treten oder sich austauschen würden. Und uns ist auch nicht damit gedient, wenn die Bewertung einer Therapie durch fachferne Experten nur getragen von methodischer Kompetenz und völlig frei von spezifischen Kenntnissen der Materie vorgenommen wird, wie dies mitunter in Beurteilungen durch öffentlicher Qualitätssicherungsinstitute geschieht. Aber um dieses Instrument Leitlinien weiter selbst in der Hand zu behalten, müssen wir für uns eine neue Art von Aufmerksamkeit und Sensibilität entwickeln, indem bekannte oder offengelegte Beteiligungen an leitlinienenrelevanten Unternehmen oder Produktentwicklungen dazu führen, dass eine Mitarbeit an prominenter oder entscheidender Stelle bei der Leitlinienentwicklung nicht möglich ist. Das gleiche gilt im Übrigen auch für Fortbildungsveranstaltungen. Hier sind wir es den Kolleginnen und Kollegen schuldig, dass versteckte Kofinanzierungen von Referenten durch Hersteller oder Abreden mit Veranstaltern im Hintergrund offengelegt werden. Dabei geht es nicht um inquisitorische Hexenjagd sondern schlicht und einfach um konsequente Transparenz, zu der wir uns alle verpflichten sollten.

Bleibt die Rolle der Wissenschaft gegenüber der Praxis: Diese Beziehung ist vielleicht die emotionalste. Wenn ich die Kommentare unserer Studierenden in den Examenszeitungen am Ende des Studiums lese, dann habe ich den Eindruck, dass auch in Zeiten, in denen die Ordinarienherrlichkeit schon lange nicht mehr so existiert, das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber den Hochschullehrern immer noch sehr ausgeprägt ist. Und dass dieses Gefühl auch in die spätere Berufstätigkeit in der Praxis hinein nachwirkt durch - ich will es mal vorsichtig ausdrücken –emotionale Zurückhaltung gegenüber der Universität und den Personen, die sie vertreten. Nicht von ungefähr ist auch das Alumniwesen in Deutschland gegenüber anderen Nationen wie beispielsweise den USA nur eine Randerscheinung in den Förderstrukturen der Hochschulen. Hier müssen wir versuchen, einerseits im Bereich der Lehre zu einer Form des Unterrichts zu kommen, der nicht nur fordert, was in der Approbationsordnung verlangt wird, sondern auch mehr fördert durch eine vielleicht weniger hierarchischen Gestaltung des Unterrichts. Und andererseits müssen wir es als eine unserer vornehmsten Pflichten ansehen, die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis mit aktueller, klinisch relevanter und praktisch nutzbarer Information zu versorgen, um die Brücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der täglichen Arbeit zu schlagen und erfahrbar zu zeigen, dass die wissenschaftliche Basis unseres Faches keine Bedrohung der eigenen Tagesroutinen ist sondern eine wertvolle Unterstützung und Ergänzung sein kann, um die eigene Praxis weiterzuentwickeln - und auch fachlich abzusichern!. Hierzu veranstaltet die DGZMK mit der Unterstützung ihrer Fachgesellschaften jedes Jahr den Kongress zum Deutschen Zahnärztetag und – damit komme ich zum Ende meiner Begrüßungsworte - zu diesem möchte ich Sie noch einmal herzlich willkommen heißen und uns allen erfolgreiche und spannende Kongresstage wünschen, viele neue Erkenntnisse, die Sie am Montag mit in die Praxis nehmen können und nicht zuletzt und vor allem einen guten und unbeschwerten kollegialen Austausch.

Vielen Dank.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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