Atomkatastrophe

Atomunfall: Katastrophenpläne in Deutschland „mangelhaft“

Eine internationale Ärztevereinigung hält die Präventionsmaßnahmen für den Fall einer nuklearen Katastrophe für völlig unzureichend. Hohe Opferzahlen werden „billigend“ in Kauf genommen.

„Gravierende Mängel“ – härter kann das Urteil kaum ausfallen. Die „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW) sind bestürzt über die ihrer Meinung nach unzureichenden Präventions- und Vorsorgemaßnahmen im Katastrophenschutz um Atomkraftwerke. Insbesondere die Pläne zur Evakuierung seien zu wenig durchdacht: Aufgrund des zu eng gefassten Gefährdungsbegriffes seien Evakuierungen nur bei einer Strahlenbelastung von mindestens 50 Millisievert vorgesehen.

„Damit nimmt man billigend in Kauf, dass es nach einem Super-GAU zu großen Opferzahlen kommt“, sagte IPPNW-Mitglied Reinhold Thiel dem Ärzteblatt. Dabei lege sogar Japan mit einem Minimalwert von 20 Millisievert strengere Maßstäbe an als die Bundesrepublik. Seit Fukushima gilt Japan als zu wenig umsichtig in der Prävention von Atomunfällen.

Die Kritik zielt auf die Katastrophenschutzpläne der Bundesländer, wie sie in den „Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“ und den „Radiologischen Grundlagen“ formuliert sind.

Einerseits erkennt die Nichtregierungsorganisation die prinzipielle Bereitschaft der Länder zum Ausbau des Katastrophenschutzes an. Auch die Bereitstellung von Jodtabletten sei ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch aufgrund der zentralen Herausgabe unzweckmäßig organisiert. Optimal wäre eine vorsorgende Vergabe an alle Haushalte, bevor die Betroffenen in Kontakt mit radioaktiver Belastung kommen, um das Entstehen von Schilddrüsenkrebs zu vermeiden.

Auch in anderen Aspekten des Katastrophenschutzes überwiegen die Mängel: Die Evakuierungszonen in Deutschland entsprechen mit 20 Kilometern dem Status quo vor der Katastrophe von Fukushima. Nach Angaben des IPPNW müssten es mindestens 25 Kilometer sein. Auch die Deckungsvorsorge, ein Sonderbudget für schnelle Maßnahmen im Falle eines GAUs, sei mit 2,5 Milliarden Euro lächerlich gering veranschlagt, da die Atomkatastrophe in Japan einen dreistelligen Milliardenbetrag beansprucht habe.

Eine angemessene Reaktion auf die Kritik der Ärztevereinigung wäre die Überarbeitung der Beschlüsse aus der Innenministerkonferenz von 1999, bei der sich die damaligen Innenminister auf die noch heute geltenden Rahmenbedingungen zum Katastrophenschutz geeinigt haben.

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