Überwachung

Patienten bekommen Mikrochips in Tabletten verabreicht

Forscher in den USA haben eine neue Methode der Patientenüberwachung entwickelt: Mikrochips in Tabletten, die auf Verdauungssäfte reagieren, senden Informationen über das Smartphone an die Ärzte. Kritiker sprechen von Big Brother und warnen vor einer Ausweitung der Anwendung. Tatsächlich steckt in der Technik die bisher umfassendste Überwachungsmöglichkeit der Menschheit.

Der Mensch kann durch Chips in Pillen gesteuert werden. (Fotos: Flickr/fdecomite/CC BY 2.0)

Der Mensch kann durch Chips in Pillen gesteuert werden. (Fotos: Flickr/fdecomite/CC BY 2.0)

Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat erstmals Mikrochips zur oralen Einnahme zugelassen, berichtet das Wissenschaftsjournal Nature.

Ein sandkorngroßer Sensor, der in Pillen eingelassen wird, reagiert auf Kontakt mit Verdauungssäften und schickt eine Nachricht an ein Smartphone, auf dem eine entsprechende App installiert ist. So können Ärzte kontrollieren, ob Patienten ihre Medizin ordnungsgemäß einnehmen. Vorerst ist der Einsatz nur für Placebos erlaubt, in Kürze soll aber auch das Okay für verschiedenste Medikamente kommen. Hergestellt werden die Chips vom US-Unternehmen Proteus Digital Health.

„Das halte ich für ein orwell’sches Szenario, das nicht stattfinden darf. Die Kooperation der Patienten bei Behandlungen ist zwar ein internationales Problem, die Erfolgsquote ist aber von Arzt zu Arzt unterschiedlich. Ein funktionierendes Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist das beste Mittel für regelmäßige Medikamenteneinnahme. Werden Menschen beispielsweise auf die Alkoholverträglichkeit eines Medikaments aufmerksam gemacht, ist eine Einnahme am Wochenende wahrscheinlicher”, sagt Otto Pjeta vom Medikamentenreferat der Österreichischen Ärztekammer. Am Ende müsse aber jeder Patient das Recht haben, über seinen Körper zu bestimmen.

In den USA nehmen bis zu 50 Prozent der Patienten ihre Medikamente nicht regelmäßig ein. „In Europa sind die Zahlen vergleichbar. Viele Menschen nehmen verschriebene Medizin entweder gar nicht oder nicht regelmäßig“, sagte Tassilo Korab, Sprecher des Healthcare Compliance Packaging Council Europe, gegenüber pressetext. Der Chip in der Pille könnte solche Probleme beheben. Der winzige Sensor aus Silizium und Spuren von Kupfer und Magnesium reagiert auf Kontakt mit Magensäure und sendet ein Signal, das direkt an den Arzt geht.

Bei Unregelmäßigkeiten können Mediziner einschreiten und die Dosis oder die Gabemethode anpassen. „Ähnliche Ansätze gibt es mit intelligenten Packungen, die Ärzte informieren, wenn eine Tablette entnommen wird. Diese Methoden sind allerdings aufwendig und teuer. Für Einzelfälle, in denen das Leben der Patienten von regelmäßiger Medikamenteneinnahme abhängt – etwa Organtransplantationen – halte ich eine Überwachung für sinnvoll“, so Korab. Die Chip-Pille sei eine bessere Variante, weil sie die Einnahme tatsächlich garantieren könne.

„Auch in schweren Fällen bin ich gegen eine Überwachung, weil sie die Würde der Menschen verletzen würde“, meint dagegen Otto Pjeta von der Österreichischen Ärztekammer.

„Menschen, deren Leben von einem Medikament anhängt, sind oft dankbar für die Kontrolle. Angst vor Big Brother ist hier deshalb nicht angebracht. Für eine flächendeckende Anwendung macht die Technologie ohnehin keinen Sinn“, betont Tassilo Korab. Bei weniger kritischen Fällen gebe es andere Mittel und Wege, die Kooperation der Patienten zu gewährleisten.

„Die Wichtigkeit der Thematik muss Ärzten bereits im Studium beigebracht werden. Derzeit können viele Mediziner das Problem überhaupt nicht richtig einschätzen. Zusätzlich muss den Patienten die Einnahme eines Medikamentes so einfach wie möglich gemacht werden, durch entsprechende Gestaltung von Verpackungen und Beipacktexten. Angaben zu Nebenwirkungen, die dort aus Haftpflichtgründen stehen, haben dort eigentlich nichts zu suchen. Auch ein Kontrollinstrument für die Patienten selber kann helfen“, so Korab.

In den USA setzt die Medizin trotzdem lieber auf die Technik. Einige Experten sehen im verschluckbaren Chip den Anfang einer schönen neuen Welt. Chips im Körper könnten künftig verschiedenste Daten liefern, gemeinsam mit Minilaboren Analysen durchführen und sogar kontrolliert Medikamente verabreichen. „Die 2010er-Jahre werden als die Ära der digitalen medizinischen Elektronik in die Geschichte eingehen. Es wird gerade an vielen Technologien gearbeitet, die die Medizin verändern werden“, sagt Eric Topol, Autor des Buches „The Creative Destruction of Medicine“.

Doch gerade angesichts des massiven Missbrauchs von Privatdaten, wie von Google, Facebook, dem BND und der NSA praktiziert, ist bei der neuen Technik Vorsicht angebracht.

Zu oft schon wurde der Menschheit versprochen, eine Innovation sei ausschließlich zum Nutzen der Bürger.

Geschäftemacher und Tyrannen finden sich immer.

Und sie werden verwenden, was sie in die Finger bekommen.

In einer schwachen Demokratie, wie wir sie derzeit haben, kann eine smarte Erfindung ganz rasch zur tödlichen Gefahr werden.

Kommentare

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  1. Es mag ja diese positiven Aspekte geben. Aber garantiert wissen die Chips dann auch, wer zu fett isst, wer Drogen nimmt, wer zu viel säuft usw… Und dies wird dann gegen den Patienten verwendet (Beiträge, andere oder keine Behandlung usw).

  2. Die Menschen sollten wieder mehr Eigenverantwortung für Ihren Körper übernehmen, dann ist sowas nicht wie eine Überwachung nicht nötig. Die meisten Erwachsenen können und sollen selbst darüber entscheiden und nicht die Verantwortung einfach an die Technik/den Arzt abgeben. Es gehört bei den Patienten nur das Bewusstsein gestärkt welche Auswirkungen es hat die Pillen nicht zu nehmen, dann werden Sie diese weiterhin auch ohne Kontrolle einnehmen.

    Außerdem kann auch so ein Chip nicht kontrollieren ob ein Medikament wirklich eingenommen wurde, wenn ich z.Bsp. auf die Idee komme diesen einfach in schwache Salzsäure zu schmeissen…