Medikamente

Verschreibung von Psycho-Pharmaka bei Kindern nimmt zu

Deutsche Kinder sind gefährdet: In den vergangenen Jahren sind die Verschreibungen von Antipsychotika um 41 Prozent gestiegen, obwohl die Zahl der psychischen Auffälligkeiten nicht gestiegen ist. Alarmierend: Ein Großteil der Verschreibungen kommt nicht vom Facharzt, sondern vom Hausarzt – obwohl diesem die Fachkompetenz zur Beurteilung der riskanten Medikamente oft fehlt.

Psycho-Pharmaka für Kinder sollten nur vom Facharzt verschrieben werden. (Foto: Flickr/weisserstier/CC BY 2.0)

Psycho-Pharmaka für Kinder sollten nur vom Facharzt verschrieben werden. (Foto: Flickr/weisserstier/CC BY 2.0)

Deutsche Kinder werden heute in wesentlich höherem Ausmaß mit Psychopharmaka behandelt als noch vor wenigen Jahren.

Niemand weiß jedoch, ob der massive Einsatz dieser Medikamente überhaupt gerechtfertigt ist.

Und noch weniger weiß man über die Langzeitfolgen.

Die Zahl der diagnostizierten Kinder und Jugendlichen mit Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) etwa ist deutlich gestiegen. Und die Zahl der Verschreibungen von Antipsychotika hat sich fast verdoppelt: Zwischen 2005 und 2012 sind die Verschreibungen von Antipsychotika (Neuroleptika) um 41 Prozent gestiegen, wie der aktuelle Arzneimittelreport 2013 zeigt. Verschrieben wurden überwiegend Medikamente, die zur Behandlung von schwerwiegenden psychischen Störungen eingesetzt werden. Zudem strömen immer mehr neue Präparate auf den Markt (+129%). Am größten war der Anstieg bei den 10- bis 14-Jährigen.

Zwar weisen 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten auf, doch hat sich diese Zahl in den letzten Jahren nicht drastisch erhöht. Dies kann also nicht Ursache der steigenden Verschreibungen sein. Vielmehr ist die Aufmerksamkeit für das Thema größer geworden. Eine Beurteilung durch Psychotherapeuten oder Fachärzte bleibt aber meistens aus: Es wird gleich vom Haus- oder Kinderarzt zu Neuroleptika gegriffen.

Die Zunahme der verschriebenen Neuroleptika ist vor allem auch problematisch, weil es nur für wenige der Substanzen eine Zulassung für junge Patienten gibt. Das hat zur Folge, dass „die Anwendung eines zugelassenen Arzneimittels außerhalb der im Rahmen der Zulassung genehmigten Anwendungsgebiete eher die Regel als die Ausnahme ist“, heißt es im Arzneimittelreport. Kinder und Jugendliche erhalten demzufolge oft Antipsychotika, die gar nicht für sie zugelassen sind. Darüber hinaus fehlen noch immer bei den meisten Präparaten Studien zu langfristigen Effekten und unerwünschten Nebenwirkungen. „Dies ist insbesondere angesichts der Tatsache, dass Antipsychotika in der Praxis oft über längere Zeiträume angewendet werden und das Gehirn in diesem Alter noch erheblichen Entwicklungen unterliegt, unbefriedigend“, so der Bericht.

Zu dem Anstieg der Verschreibungen von Antipsychotika tragen unter anderem die immer häufiger diagnostizierten Fälle von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bei. Hier ist die Zahl zwischen 2006 und 2011 von 2,92 auf 4,14 Prozent gestiegen. Der größte Anstieg wurde bei den 9- bis 11-Jährigen verzeichnet, so der Arztreport 2013. „Wir müssen aufpassen, dass ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren“, bewertete der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, die Entwicklung. „Pillen gegen Erziehungsprobleme sind der falsche Weg.” Tatsächlich werden laut Arzneimittelreport Antipsychotika auch bei ADHS und Angststörungen eingesetzt, obwohl es für diese Anwendung „weder eine Indikation noch eine Leitlinienempfehlung“ gebe.

Lange Wartezeiten für einen Termin beim Psychotherapeuten oder beim Facharzt können dazu führen, dass Kinderärzte eine vorschnelle Diagnose stellen und Psychopharmaka verschreiben, warnt Kay Funke-Kaiser von der Bundespsychotherapeutenkammer. Dies belegt auch der Arzneimittelreport: „Bemerkenswert ist, dass ein Großteil der Antipsychotika-Verschreibungen von Ärzten der Primärversorgung und nicht von psychiatrischen Fachärzten stammt.“ In den USA werden sogar noch mehr Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche gegeben als in Deutschland, so Funke-Kaiser zu den Deutschen Gesundheits Nachrichten.

 

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