Arbeitsmarkt

Zu geringer Lohn: Beruf der Hebamme stirbt aus

Deutschlands Hebammen werden schlecht bezahlt: 280 Euro für eine normale Geburt – ein Hungerlohn. Finanziell interessant wird es nur bei komplizierten Geburten wie Kaiserschnitten. Der Grund: Die alternde Gesellschaft in Deutschland blickt auf Krankheit und Tod, und nicht auf das Leben. Die schlechte Behandlung der Hebammen ist Vorbote einer aussterbenden Nation.

Hebammen-Praxen gehören schon zu einer Seltenheit. Der Beruf könnte aussterben. (Foto: Flickr/dierk schaefer/CC BY 2.0)

Hebammen-Praxen gehören schon zu einer Seltenheit. Der Beruf könnte aussterben. (Foto: Flickr/dierk schaefer/CC BY 2.0)

Für werdende Mütter sind Hebammen wichtige Begleiter während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Sie sind Vertrauensperson, Ernährungsberater und Psychotherapeut in einem. Viele unnötige Arztbesuche werden jeden Monat durch die Abrufbarkeit der Hebammen verhindert. Doch sie arbeiten im Hintergrund, und ihre Arbeit wird von der Politik so gut wie ignoriert: Sie müssen teilweise bis zu 70 Stunden pro Woche arbeiten, um ihre Haftpflicht bezahlen zu können.

Neben Hebammen, die fest in Krankenhäusern angestellt sind, gibt es auch freiberufliche Hebammen: Beleghebammen und Hebammen, die keine Geburtshilfe leisten. Freiberufliche Beleghebammen sind besonders begehrt. Sie begleiten die Familie vor der Geburt, während der Geburt und im Anschluss im so genannten Wochenbett. Doch es wird immer schwieriger, eine Beleghebamme zu finden, die noch frei ist.

Susanna Rinne-Wolf vertritt die Hebammen im Kampf um bessere Konditionen. (Foto: Susanna Rinne-Wolf)

Susanna Rinne-Wolf vertritt die Hebammen im Kampf um bessere Konditionen. (Foto: Susanna Rinne-Wolf)

Während es in ländlichen Gebieten mittlerweile fast unmöglich ist, eine Beleghebamme zu finden, ist dies in Städten noch möglich. Aber die Zahl der Beleghebammen und der freiberuflichen Hebammen, die vor und nach der Geburt die Familien betreuen, sinkt stetig. Ursachen dafür sind die schlechte Vergütung und die viel zu hohe Haftpflichtversicherung, die Hebammen abschließen müssen.

Momentan liegt die Haftpflicht für Hebammen bei 4.242 Euro im Jahr, ab Juli 2014 soll sie auf 5.090 Euro steigen. „Und ab Juli 2016 klettert sie noch einmal auf über 6.000 Euro“, sagte die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands, Susanna Rinne-Wolf, den Deutschen Gesundheits Nachrichten. Begleitet eine Beleghebamme eine Frau ins Krankenhaus und führt dort die Geburt durch, erhält sie für diese Geburt etwa 280 Euro, für eine Hausgeburt gibt es um die 685 Euro und im Geburtshaus gibt es dafür 550 Euro – und das können bis zu elf Stunden Arbeit sein. Die Haftpflicht ist jedoch dieselbe. Viele freiberufliche Hebammen haben sich mittlerweile entschieden, keine Geburtshilfe mehr zu leisten, sondern nur noch die Vor- und Nachsorge im Wochenbett anzubieten. Zu hoch ist das Risiko bei einer Geburt; denn wenn etwas passiert, steigt entsprechend auch die Prämie für die Versicherung.

„Der Durchschnittslohn der freiberuflichen Hebammen liegt aber nur zwischen 8,20 Euro und 8,50 Euro“, so Rinne-Wolf, die selbst Hebamme ist. „Dafür, dass es sich dabei um die Bezahlung für jemanden handelt, der die Verantwortung für mindestens zwei Menschenleben trägt, ist das wirklich sehr wenig.“ Zumal die Schadensfälle bei Hebammen nicht wie in der Medizin üblich nach zehn Jahren verjähren, sondern erst nach 30 Jahren. „Wenn ich also heute einen Fehler mache, kann es sein, dass ich mit 66 Jahren dafür aufkommen muss, und wenn ich dann nicht zahlen kann, müssen es meine Kinder“, sagt die Verbandsvorsitzende. Diese hohe Verjährungsfrist breche den Hebammen in den Verhandlungen mit den Versicherungen immer wieder das Genick. Mittlerweile gibt es auch nur mehr zwei von hunderten Versicherern, die überhaupt noch gewillt sind, Geburtshilfe zu versichern, so Susanna Rinne-Wolf.

Linda Kurzweil ist wie alle Beleghebammen sehr begehrt und bis Juli 2014 ausgebucht. (Foto: Linda Kurzweil)

Linda Kurzweil ist wie alle Beleghebammen sehr begehrt und bis Juli 2014 ausgebucht. (Foto: Linda Kurzweil)

Die schlechte Bezahlung und die geringe Aufmerksamkeit von Seiten der Politik lassen sich Linda Kurzweil zufolge darauf zurückführen, dass der Beruf der Hebamme – wie in anderen sozialen Berufen – vor allem von Frauen ausgeübt wird. Linda Kurzweil ist seit zweieinhalb Jahren Beleghebamme in Berlin. Und die Frauen „beschweren sich oft nicht so richtig.“ Sie „streiken ein bisschen, aber das war’s, weil sie auch in dieser Verantwortung leben und sagen, ich kann jetzt die Kinder der Eltern nicht allein lassen, sie brauchen mich“.

Linda Kurzweil ist bereits bis Mitte Juli 2014 ausgebucht und kann keine Frauen mehr aufnehmen, die für Juli oder früher ihren offiziellen Geburtstermin haben. Mittlerweile sind Beleghebammen so rar, dass es für Frauen, die sich von einer Beleghebamme betreuen lassen wollen, heißt: „Auf den Streifen pullern und sofort anrufen. Man muss sich melden, sobald man weiß, dass man schwanger ist“, so Linda Kurzweil zu den Deutschen Gesundheits Nachrichten. „Viele Frauen warten lieber drei Monate, um sicherzugehen, dass sie keine Fehlgeburt kriegen, aber eigentlich haben Frauen auch bei einer Fehlgeburt ein Recht auf eine Begleitung durch die Hebamme.“

Die steigenden Kosten für die Haftpflichtversicherung setzen auch Linda Kurzweil unter Druck, denn die Haftpflicht ist nicht an die Geburtenzahl gekoppelt. „Damit sich die Versicherung überhaupt noch lohnt, muss man noch mehr arbeiten, um die Versicherung zahlen zu können und das macht die Geburten wieder gefährlicher“, so Kurzweil. „Denn, wenn ich fünf Geburten im Monat annehme, damit es sich rechnet, dann kann ich einfach nicht mehr so gute Leistungen bringen, denn ich bin müde und kaputt.“ Die freiberuflichen Hebammen sind ja nicht nur bei Geburten dabei, sie haben auch täglich Termine bei Schwangeren und Familien, die gerade ihr Kind bekommen haben.

Fachri Niehus zum Beispiel ist ebenfalls eine freiberufliche Hebamme aus Berlin. Sie macht keine Geburtshilfe, ist aber für die Frauen und Familien vor und nach der Geburt da. Auch sie muss eine hohe Haftpflicht zahlen, schließlich kann auch während ihrer Arbeit etwas passieren, für das sie nach 30 Jahren noch verantwortlich gemacht werden kann. „Ich arbeite 60 bis 70 Stunden die Woche“, sagt Fachri Niehus. „Ich bin alleinerziehende Mutter, damit ich die Kosten decken kann, muss ich auch viel arbeiten, anders geht das nicht.“ Auch die Wochenenden mit den Kindern zu verbringen, ist in ihrem Beruf nicht einfach. Es kann jederzeit ein Anruf kommen – Fachri Niehus ist als Hebamme oft der erste Ansprechpartner für die Eltern.

Wenn Eltern abends um zehn Uhr anrufen, weil sie eine Frage haben oder verunsichert sind, ist das für Niehus noch eine „humane Zeit“. „Die Eltern rufen manchmal auch um vier Uhr nachts an. Was sollen sie auch machen, wenn ihr Kind plötzlich schreit und sie völlig verunsichert sind.“ Dann „rufen sie eben mich an, ich bin ihre Bezugsperson“. Das gehöre zum Beruf der Hebamme dazu, „und ich kann das auch total verstehen“.

Während große Teile der Gesellschaft, insbesondere die Familien, die Arbeit der Hebammen schätzen, ist dies in der Politik nicht so, darin sind sich die drei Hebammen einig. „Durch meine Arbeit vermeide ich beispielsweise, dass die Frauen mit ihren Neugeborenen unnötig ins Krankenhaus gehen, weil ich zu ihnen gehe und sie beruhige“, so Niehus. Wenn „ich nicht da gewesen wäre, da wären sie ständig im Krankenhaus oder beim Kinderarzt gewesen. Woher sollen sie auch die notwendigen Informationen bekommen, um die Lage richtig einzuschätzen, es gibt keine Großfamilie mehr.“

Fachri Niehus: 60-Wochenstunden sind keine Seltenheit. (Foto: Fachri Niehus)

Fachri Niehus: 60-Wochenstunden sind keine Seltenheit. (Foto: Fachri Niehus)

Das Problem dabei sei vor allem auch das Gesundheitssystem an sich. „Es ist einfach auf Krankheit ausgelegt“, sagt die Verbandsvorsitzende Wolf-Rinne. Es gehe nur mehr darum, was bezahlt werde, wenn etwas schieflaufe, nicht was gespart wurde. Ein Beispiel sei das DRG-System – die Fallpauschalen. „Für eine normale Geburt, bei der alles gut läuft, kriegst du ein Appel und ein Ei“, so Susanna Rinne-Wolf. „Ein Kaiserschnitt oder eine Wehenunterstützung hingegen werden richtig gut bezahlt.“ Dass das System durch die Arbeit der Hebammen eigentlich sehr viel Geld spare, das sei eben noch immer nicht angekommen.

Die Kritik der Hebammen hat die Politik mittlerweile erreicht: Zumindest auf dem Papier sollen die Hebammen zukünftig etwas unterstützt werden. Im Koalitionsvertrag heißt es nun: „Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen.“

Inwiefern diese sehr pauschale Formulierung tatsächlich in den kommenden Jahren zu einer Verbesserung der Lage der Hebammen führen wird, ist unklar. Konkrete Vorschläge wurden bisher nicht gemacht. Dabei haben die Hebammen selbst bereits einige Überlegungen dazu angestellt. So könnte etwa eine Deckelung helfen, so die Verbandsvorsitzende Rinne-Wolf. „Man könnte sagen, dass die Hebamme für zwei Millionen Euro versichert sein muss und alles was darüber hinaus anfällt, von einem aus Steuern finanzierten Fonds gedeckt wird.“ Eine weitere Möglichkeit wäre, dass wieder jeder Versicherer eine Versicherung für Geburtshilfe anbieten müsse. Dann gäbe es wieder eine Konkurrenz unter den Versicherungen und diese könnten sich gegenseitig rückversichern. „Oder man setzt die Verjährungsfrist auf 10 Jahre herab“, so Rinne-Wolf. „Aber das ist natürlich alles etwas, was auf politischer Ebene geschehen muss.“

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