Atomkraft

Japanisches Atomkraft-Knowhow kommt nach Europa

Toshiba kauft fünfzig Prozent am britischen Atomenergie-Konsortium NuGen. 102 Millionen Euro haben die Japaner dafür gezahlt. Damit kommt japanisches Know-How nach Europa. Angesichts der Katastrophe von Fukushima keine besonders beruhigende Nachricht. Großbritannien hält nach wie vor an seiner Atomenergie-Strategie fest und will in den nächsten Jahren neue Kernkraftwerke bauen. Für britischer Firmen ist Fukushima ein gutes Geschäft.

Atomkraftwerke werden auch absehbare Zeit nicht aus der Landschaft Großbritanniens verschwinden. (Foto: Flickr/Hunter-Desportes/CC BY 2.0)

Atomkraftwerke werden auch absehbare Zeit nicht aus der Landschaft Großbritanniens verschwinden. (Foto: Flickr/Hunter-Desportes/CC BY 2.0)

Der spanische Versorger Iberdrola verkauft seinen 50-prozentigen Anteil am britischen Atomenergie-Konsortium NuGen. Käufer ist der japanische Toshiba-Konzern. Das teilte Iberdrola am Montag in Madrid mit. Als Preis wurden 102 Millionen Euro genannt. Die restlichen 50 Prozent hält der französische Versorger GDF Suez, berichtet die FT.

NuGen betreibt eine Atomanlage in Sellafield im Nordwesten von England. Dort soll ein 3,6-Gigawatt-Kernkraftwerk gebaut werden. Während die Japaner ihr Atomkraft-Knowhow nach Europa bringen, wurde bei 59 Kindern in Fukushima Schilddrüsenkrebs festgestellt, berichtet aktuell die japanische Zeitung Asahi Shimbun.

Mit dem Deal haben nun fast alle großen Spieler der Nuklearindustrie ein Standbein in Großbritannien.

Im Hinblick auf die Atomkraft ist die Insel-Lage der Briten kein ausreichender Grund, um sich auf dem Kontinent sicher zu fühlen.

Doch Großbritannien setzt weiter auf die Kernenergie.

Vor zwei Monaten unterschrieb die britische Regierung einen Vertrag mit dem staatlichen französischen Unternehmen EDF, um ein 19 Milliarden Euro teures Kernkraftwerk in Somerset zu bauen. Es wird erwartet, dass sich zusätzlich das staatliche chinesische Unternehmen CGN an diesem Projekt beteiligen wird.

Der japanische Technologiekonzern Hitachi hat im vergangenen Jahr Horizon gekauft – ein weiteres UK-Konsortium für Kernkraft, das von den deutschen Versorger EON und RWE zum Verkauf angeboten wurde. Horizon besitzt unter anderem das Recht, Reaktoren in Nord-Wales zu bauen.

Großbritannien muss in den kommenden Jahren einige Kern- und Kohlenkraftwerke aus Altersgründen abschalten und will deshalb neue Kernkraftwerke bauen. Toshiba gehört bereits der Atomkraftwerksbauer Westinghouse.

Briten machen Geschäft mit radioaktivem Müll

Der Strategie-Direktor der britischen Nuclear Decommissioning Authority (NDA – also der britischen Müllabfuhr für Nuklearabfälle), Adrian Simper, versteht die Aufregung um Fukushima nicht. Er ist von einer Reise nach Fukushima zurückgekehrt und sagte dem Sender Channel 4: „Wir müssen uns um Dinge wie die Kontrolle über das Grundwasser kümmern, damit wir uns auf unseren Kampf gegen die Alligatoren konzentrieren können und uns nicht mehr damit beschäftigen zu haben, dass wie die Sümpfe trockenlegen.“

Die NDA (der Name ist besonders originell, denn die Abkürzung steht im Wirtschaftsleben für Non-Disclosure-Agreement, also Vertraulichkeits-Vereinbarung) ist nur im Namen eine Autorität: Sie ist die Aufsicht über den Abtransport von Atom-Müll – und betreibt gleichzeitig ein Unternehmen, das als radioaktive Müllabfuhr ihr Geld verdient.

Simper ist ein gestandener Atom-Manager: Er arbeitete für British Nuclear Fuels und war dann für die Finanz-Struktur der Atom-Müllabfuhr NDA zuständig. Er arbeitete in der Abteilung Forschung und Entwicklung für Sellafield und andere Atom-Konzerne. Der Mathematiker ist ein Finanzfachmann. Er ist außerdem Chairman von International Nuclear Services (INS). Diese Firma, die zu 100 Prozent der NDA gehört. INS verdient sein Geld als Müllabfuhr für Sellafield und Dounreay. Diese Firma wiederum hat eine Tochterfirma, Pacific Nuclear Transport Limited (PNTL), an der auch der französische Atomkonzern Areva und ein Konsortium von japanischen Atom-Firmen beteiligt sind.

Für diese Firmen ist der Reaktor-Unfall von Fukushima ein glänzendes Geschäft: Die Entsorgung der radioaktiven Teile wird faktisch zur Gänze vom japanischen Steuerzahler bezahlt. Die Aufräumarbeitern, die von Tepco operativ durchgeführt werden, kosten nach aktuellen Berechnungen des japanischen Rechnungshofs 38 Milliarden Euro.

Das sind lediglich die Berechnungen, wenn alles so bleibt, wie es ist.

Die Entsorgung wird den japanischen Haushalt für 31 Jahre belasten, bis dahin soll Tepco das Geld zurückgezahlt haben. Bis zum Jahr 2044 werden allein die Zinszahlungen eine halbe Milliarde Euro betragen – auf denen der Steuerzahler sitzen bleiben wird, berichtet die Japan Times. Die Regierung muss für die Entsorgung Kredite aufnehmen.Insgesamt wurden von Tepco bereits mehr als 21 Milliarden Euro an die Bewohner der Region ausgezahlt, die wegen des Unfalls ihre Häuser hatten verlassen müssen. Die Arbeiter, die gesundheitliche Schäden erlitten haben, haben noch keinerlei Entschädigungen erhalten. Etwa 20.000 Arbeiter sind bisher bei den Aufräumarbeiten eingesetzt worden.

Simper sagte Channel 4, dass er davon ausgehe, dass es keinen Grund gäbe, die Bewohner noch länger von Fukushima fernzuhalten: „Die Menschen werden selbstverständlich hierher zurückkehren und hier leben. Tatsächlich glaube ich, dass die Leute heute bereits zurückkehren könnten. Ich würde nicht zögern, mit meiner Familie nach Fukushima zu ziehen – es ist ein wunderbarer Teil der Welt.

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