Impfungen

Koalition: Pharmafirmen sollen mehr Impfstoffe vorrätig halten

Die Große Koalition will Pharmafirmen dazu zwingen, ausreichend Impfstoffe auf Lager zu halten. Ein Lieferengpass im Vorfeld einer Grippewelle könne nicht toleriert werden. Die Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmafirmen werden zum Problem. Sie drücken die Preise und senken die Gewinne der Pharmaindustrie.

Die Produktion von Impfstoffen ist für die Pharmaindustrie nicht lukrativ. (Foto: Flickr/Skley/CC BY-ND 2.0)

Die Produktion von Impfstoffen ist für die Pharmaindustrie nicht lukrativ. (Foto: Flickr/Skley/CC BY-ND 2.0)

Politiker von Union und SPD plädierten am Montag für strengere Regeln für den Vorrat an Impfstoffen. So sprach sich die SPD dafür aus, die Pharmafirmen zu zwingen, mehr Präparate auf Vorrat zu halten. Die Union forderte von den Krankenkassen, bei Ausschreibungen mehr Unternehmen zum Zuge kommen zu lassen. Die Zahl der Hersteller von Impfmitteln ist nach mehreren Fusionen in der Branche allerdings klein.

Der britische Pharmariese GlaxoSmithKline (GSK) hat nach eigenen Angaben Schwierigkeiten bei der Produktion von Impfstoffen gegen Windpocken (Varizellen), die bis ins zweite Quartal dauern werden. Die Gründe seien Qualitätsprobleme in einer Fabrik in Belgien. Betroffen sind ein Vierfach-Impfstoff (MMRV) gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken sowie ein Einzelimpfstoff gegen Varizellen.

Trotz der Engpässe sieht Gesundheitsminister Hermann Gröhe keinen akuten Handlungsbedarf. „Momentan gibt es keinen Grund zur Verunsicherung oder zur Panik“, betonte eine Sprecherin. Der Ausfall bei GSK könne durch Produkte anderer Hersteller kompensiert werden. Experten äußerten da zuletzt Zweifel, speziell mit Blick auf den Schutz vor Windpocken. Denn der andere große Hersteller solcher Impfstoffe, Sanofi Pasteur MSD, hat erklärt, das Unternehme könne den Ausfall des Konkurrenten nicht vollständig ausgleichen.

SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach fordert Reformen in dem Sektor: Der Impfstoffmarkt funktioniere nicht richtig, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Es gebe zu wenig Konkurrenz und eine zu große Abhängigkeit von einzelnen Firmen, obwohl der Bedarf planbar sei. „Wir müssen systematisch dazu kommen, dass Impfstoffe vorgehalten werden müssen“, forderte der Gesundheitsökonom. Denkbar sei etwa, dass Firmen bei der Vergabe von Rabattverträgen in anderen Sektoren begünstigt würden, wenn sie zuverlässig Impfstoffe in Reserve hielten.

Unions-Gesundheitsexperte Jens Spahn forderte die Krankenkassen auf, das Ausschreibungsverfahren für Impfstoffe neu zu organisieren. „Künftig müssen mehr Hersteller zum Zug kommen, das bisherige Verfahren fördert die Monopolisierung“, sagte der CDU-Politiker. Langanhaltende Liefer-Engpässe bei Impfstoffen passten nicht zu einem der besten Gesundheitssysteme der Welt.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Impfung gegen Windpocken. Die erste wird in der Regel nach dem 12. Lebensmonat verabreicht. Üblicherweise wird dafür der Kombinations-Impfstoff von GSK genutzt. Das RKI rät nun alternativ zu einem Dreifach-Impfstoff gegen Masern, Mumps, Röteln. Zusätzlich sollte ein Einzelimpfstoff gegen Windpocken verabreicht werden, solange er noch vorrätig ist. Um die Erstimpfungen kleiner Kinder sicherzustellen, sollten beide Präparate vorrangig dafür eingesetzt werden, empfiehlt das RKI. Eine anstehende Zweitimpfung gegen Windpocken kann den Experten zufolge ohne Nachteile hinausgeschoben werden, bis der Engpass beseitigt ist.

Die Politik hat Rabattverträge, die Kassen mit Pharmafirmen aushandeln können, als Grund für Impfstoffprobleme im Visier. Aus Sicht der Industrie drücken sie die Preise so sehr, dass die Produktion solcher Präparate für viele Unternehmen nicht attraktiv ist. Im konkreten Fall spielten Rabattverträge aber keine Rolle, wie Kassen und Ministerium betonten. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) verwies darauf, dass Probleme bei der Produktion biologischer Arzneimittel immer auftreten könnten. Die Herstellung sei zeitaufwändig. Die Produktion eines Impfstoffes kann bis zu 22 Monate dauern. Sie unterliegt strengen Qualitätskontrollen, auf die nach Angaben von Sanofi Pasteur MSD etwa 60 bis 70 Prozent der Produktionszeit entfallen.

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