Gesundheits-Management

Arbeitnehmer können mit Überforderung nicht richtig umgehen

Der Wunsch nach einer Auszeit oder private Termine sind für überforderte Angestellte ein Grund, um der Arbeit fern zu bleiben. Konflikte mit dem Chef sind hingegen fast nie Grund dafür. Die Mehrheit der überforderten Angestellten schleppt sich noch mit einer Krankheit zur Arbeit. Ein geringerer Anteil macht blau. Beides zeugt von einem falschen Umgang der Arbeitnehmer mit Überlastung.

Gesundheits-Tee, Medikamente und Taschentücher. Wer sich krank zur Arbeit schleppt, fügt dem Unternehmen unter Umständen Schaden zu. (Foto: ikk-classic)

Gesundheits-Tee, Medikamente und Taschentücher. Wer sich krank zur Arbeit schleppt, fügt dem Unternehmen unter Umständen Schaden zu. (Foto: ikk-classic)

Elf Prozent der deutschen Erwerbstätigen haben sich nach eigenen Angaben schon einmal krank gemeldet, obwohl ihnen in Wahrheit nichts fehlte. Unter den Jüngeren (18-29 Jahre) liegt dieser Wert sogar bei 22 Prozent. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das forsa-Institut im Februar im Auftrag der IKK classic durchgeführt hat.

Als Grund nennen die meisten den Wunsch nach einer „Auszeit wegen zu hoher beruflicher Belastungen“ (43 Prozent). „Private Gründe oder Termine“ stehen mit durchschnittlich 36 Prozent an zweiter Stelle. Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen nennen lediglich acht bzw. fünf Prozent.

„Offenbar betrachten nicht wenige Menschen die Krankmeldung als Notbremse, wenn sie sich im Job überfordert fühlen“, so Gerd Ludwig, Vorstandsvorsitzender der IKK classic. So gibt ein Drittel der Befragten an, dass ihnen die beruflichen Anforderungen regelmäßig über den Kopf wachsen.

Fünf Prozent der Erwerbstätigen fühlen sich im Job „ständig überlastet“, weitere 28 Prozent erklären, durch die Arbeit „häufig überlastet“ zu sein.

Die meistgenannten Gründe sind Zeitdruck (63 Prozent), zu viel Arbeit (62 Prozent) sowie mangelnde Wertschätzung im Beruf (30 Prozent). Für ein Viertel der Befragten trägt zudem Zeitdruck durch private Pflichten wie Kinderabholen zur beruflichen Überlastung bei.

„Dauerhafte Überlastung ist keine normale Begleiterscheinung des Berufslebens, sondern ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko„, erklärt Gerd Ludwig. „Wem die Arbeit regelmäßig zu viel wird, sollte seine Arbeitsumstände, aber auch das eigene Verhalten überprüfen. Dazu gehört die Bereitschaft, Veränderungschancen aktiv zu nutzen.“

Von Maßnahmen ihres Arbeitgebers zur Gesundheitsförderung berichtet gut die Hälfte der Befragten, allerdings bleiben die vorhandenen Angebote noch häufig hinter den Erwartungen zurück. Ganz oben in der Rangfolge gewünschter Maßnahmen stehen mehr Dialogmöglichkeiten.

Regelmäßige Gespräche mit Vorgesetzten, bei denen auch berufliche Probleme angesprochen werden können, wünschen sich 76 Prozent der Arbeitnehmer (im eigenen Betrieb erfüllt sehen diesen Wunsch aber nur 54 Prozent).

Vorkehrungen für gesünderes und sicheres Arbeiten, etwa ergonomisch gute Arbeitsplätze, sind für 74 Prozent besonders wichtig (erfüllt: 52 Prozent). 62 Prozent plädieren für Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf (erfüllt: 42 Prozent). Bewegungs- und Entspannungskurse betrachten 52 Prozent als wichtiges Angebot (eingelöst wird dies aber nur für 30 Prozent).

„Die Zahlen belegen einmal mehr die hohe Wertschätzung der Mitarbeiter für betriebliche Prävention“, sagt Ludwig. „Arbeitgeber können viel für das Betriebsklima und die Arbeitszufriedenheit erreichen, wenn sie geeignete Angebote machen.“

Häufiger verbreitet als unzulässiges Krankfeiern ist bei deutschen Erwerbstätigen, selbst bei Krankheit noch am Arbeitsplatz zu erscheinen. Vier von fünf Befragten erklären, in den vergangenen zwei Jahren mindestens einmal trotz Krankheit (Schnupfen inbegriffen) arbeiten gegangen zu sein. 70 Prozent haben dies im genannten Zeitraum sogar mehrfach getan, unter den berufstätigen Frauen sogar 75 Prozent (Männer: 66 Prozent).

Für fast 70 Prozent sind aber auch die Menge der anliegenden Arbeit und die Solidarität mit den Kollegen ein Motiv, sich gesundheitlich angeschlagen ins Büro oder die Werkstatt zu bewegen. Die Sorge vor beruflichen Nachteilen ist hingegen nur für 14 Prozent relevant.

Ein stärkerer Antrieb ist der Widerwille gegen das Wartezimmer: fast ein Drittel der Befragten (32 Prozent) gibt an, dass es ihnen lästig gewesen wäre, zwecks Krankschreibung einen Arzt aufzusuchen.

Mittel gegen riskante Manöver: Stärkung der betrieblichen Prävention „Wenn der Schreibtisch überzuquellen droht, hilft „Blaumachen“ ebenso wenig, wie krank zur Arbeit zu gehen“, erklärt Gerd Ludwig.

Beide Strategien zum Umgang mit Überlastung bergen nach den Worten des IKK-Chefs Gesundheitsgefahren für den einzelnen, aber auch für die Kolleginnen und Kollegen.

Bei der Suche nach Lösungen sind laut Ludwig Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen gefordert. Wichtig sei die Bereitschaft der Betriebe, im Dialog mit den Beschäftigten ein Gesundheitsmanagement umzusetzen (mehr hier), ebenso wichtig die Motivation der Mitarbeiter, qualifizierte Angebote in Beruf und Freizeit auch anzunehmen.

„Gesundheitsmanagement ist kein karitativer Luxus. Immer mehr Unternehmen erkennen darin zu Recht eine zentrale Schlüssel-kompetenz, um den Folgen von Fachkräftemangel und Demografie zu begegnen“, weiß Ludwig.

Schon heute ist laut der Umfrage der Anteil der „Überlasteten“ in gesundheitsorientierten Betrieben niedriger als im Schnitt. Hier ist nach Ludwigs Worten aber noch „viel Luft nach oben.“

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