Wirtschaft

Ärzte müssen Medizin und Ökonomie besser miteinander vereinbaren

Nicht alle medizinischen Entscheidungen sind ökonomisch sinnvoll. Umgekehrt gehen Kosteneinsparungen oft gegen die Qualität der medizinischen Behandlung. Ärzte wollen den ökonomischen Faktor besser in den medizinischen Alltag integrieren. In der Neurologie gibt es bereits Handlungsrichtlinien für kritische Entscheidungen.

Das ökonomische Prinzip erhält einen immer stärkeren Einfluss in medizinische Entscheidungen. (Foto: Flickr/Dennis Skley)

Das ökonomische Prinzip erhält einen immer stärkeren Einfluss in medizinische Entscheidungen. (Foto: Flickr/Dennis Skley)

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) Frank Ulrich Montgomery forderte auf der diesjährigen Frühjahrstagung der Initiative Gesundheitswirtschaft rhein-main eine engere Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Wirtschaftsfachleuten. zum Thema „Arzt oder Ökonom: Wer steuert unser Gesundheitswesen wurde das Spannungsfeld zwischen medizinischen und ökonomischen Handlungsmaximen diskutiert. Das Gesundheitswesen steht immer stärker unter dem Diktat der Kostendämpfung. Können Ärzte und Kliniken ihre Patienten heute noch angemessen versorgen oder fällt eine gute medizinische Betreuung inzwischen dem Rotstift zum Opfer? Stehen der Mensch und seine Gesundheit noch im Fokus oder überwiegen wirtschaftliche Interessen?

„Ärzte und Wirtschaftsfachleute sollten an einem Strang ziehen, damit die Ökonomie ihre Funktion als dienendes Instrument der Medizin nicht überschreitet“, sagte Montgomery. Stattdessen müssten sich Ärzte in Deutschland häufig genug vor den Managern für die Kosten ihrer Arbeit rechtfertigen. „Medizin und Ökonomie schließen sich nicht aus“. Vielmehr sei es doch so, dass Ärzte und Ökonomen unterschiedlichen Logiken folgten: „In der Logik der Ökonomie muss mit geringem Aufwand die bestmögliche Leistung und Qualität erbracht werden. Dies widerspricht jedoch der Logik der Medizin. Die muss das beste Ergebnis für den Menschen, unabhängig von ökonomischen Beschränkungen, erreichen“, so Montgomery. Ökonomie und marktkonformes Denken würden dann zu einem Problem, wenn die ökonomische Logik auf die Medizin angewandt würde. Montgomery forderte von den Ökonomen mehr Impulse wie etwas geht und nicht, dass es nicht geht.

Bernard Broermann, Gründer der Asklepios Kliniken, vertrat die Ansicht, dass Ökonomie notwendig sei, allerdings nicht im Gegensatz zu guter Medizin stehe. „Während Ärzte sich für das Leben des Patienten einsetzen, haben Ökonomen Interesse am Überleben des Krankenhauses.“ Beide Parteien sollten zusammenarbeiten, betonte Broermann. Ursächlich für steigende Kosten im Gesundheitswesen seien die stark alternde Gesellschaft und der schnelle medizinisch-technische Fortschritt. Für den daraus entstehenden Kostendruck sei letztlich die Politik verantwortlich, so der Asklepios Gründer. „Das Problem der Arbeitsverdichtung in deutschen Kliniken ist keine Entscheidung der Ökonomen. Die Steuerung liegt bei der Politik. Sie trägt die Verantwortung für die geringe Vergütung pro Fall, fehlende Investitionen und die Kostendämpfungspolitik“ ärgerte sich Broermann. Er beschränkte sich allerdings nicht darauf, mehr Geld im System zu fordern. Broermann plädierte für eine stärkere Verzahnung von ambulanter und stationärer Behandlung, die Vermeidung von Fehlbelegungen und mehr gesundheitliche Prävention jedes Einzelnen.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) gibt als erste medizinische Fachgesellschaft in Deutschland ihren Mitgliedern Handlungsrichtlinien an die Hand – für Fälle, in denen ökonomische Interessen die Therapiefreiheit beeinträchtigen.

Ein aktuelles Thema ist die Einführung von DRG’s vor einigen Jahren: Das Vergütungssystem der Disease Related Groups hat massiven Kostendruck in die Kliniken gebracht, der bewirkt, dass Medizin nicht immer uneingeschränkt im Interesse der Patienten betrieben werden kann. Auch die um sich greifende Praxis von leistungsabhängigen Komponenten in Verträgen leitender Mediziner führt bisweilen zu einem erhöhten ökonomischen Einfluss auf die Behandlungsentscheidungen des Arztes. Diese und andere Entwicklungen werden in den Handlungsrichtlinien identifiziert und bewertet.

„Ob im Fall von Spenden, bei der Erstellung neurologischer Leitlinien, der Durchführung von Kongressen oder der Zusammenarbeit von Führungskräften der Deutschen Gesellschaft für Neurologie mit der Industrie – wir haben jetzt auch für die Fachgesellschaft selber einen mit den Mehrheitsmeinungen unserer Mitglieder konsentierten Weg eingeschlagen – die Handlungsrichtlinien sind unsere Leitplanken“, so Ralf Gold, Direktor der Neurologischen Klinik an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Ein Beispiel ist die Diskussion um die Beteiligung von Industrieunternehmen auf dem jährlichen DGN-Kongress im Rahmen einer begleitenden Fachmesse oder in Form von Industriesymposien. Einerseits sind Unternehmen die maßgeblichen Treiber neuer therapeutischer Entwicklungen und haben damit auf einem wissenschaftlichen Kongress ihren Platz und ihre Berechtigung. Andererseits hat die Fachgesellschaft gemeinsam mit der Industrie in Round Table-Gesprächen einen Verhaltenskodex herausgegeben, welche Aktivitäten erlaubt sind – und wann die Grenzen überschritten sind.

„Es geht nicht darum, ob Ärzte mit der Industrie zusammenarbeiten, sondern wie – nämlich auf Augenhöhe, unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten und zum Wohl der Patienten“, betont Günther Deuschl, Vorsitzender des Komitees Handlungsrichtlinien der DGN. „Die Handlungsrichtlinien sind ein erster, aber bedeutender Schritt, um in diese Zusammenarbeit endlich die berechtigterweise geforderte Transparenz zu bringen.“

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