Wirtschaft

Pflege-Unternehmen können offene Stellen nicht besetzen

Mittelständische Pflegedienste können offene Stellen nicht schnell genug besetzen. Allein in Thüringen fehlen tausende Fachkräfte. Im Osten ist die Vergütung von Pflegepersonal 30 Prozent niedriger als im Westen. Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie höhere Gehälter sollen den Pflegeberuf attraktiver machen.

Alten- und Krankepfleger in Ostdeutschland bekommen nicht genug Geld. (Foto: Flickr/ E-Plus Gruppe Fotostream)

Alten- und Krankepfleger in Ostdeutschland bekommen nicht genug Geld. (Foto: Flickr/ E-Plus Gruppe Fotostream)

Um dem Fachkräftemangel erfolgreich zu begegnen, setzen Pflegeeinrichtungen zunehmend auf Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dies bestätigen Ergebnisse einer bundesweiten Befragung unter rund 350 Pflegeeinrichtungen, die der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa), der DIHK Berlin und das Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“ sowie die Universität Kiel durchgeführt haben. „Die Studie zeigt, dass das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei den Pflegediensten und Einrichtungen angekommen ist und dass diese viel unternehmen, um ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine familienfreundliche Arbeit zu ermöglichen. Dennoch gibt es noch Potenzial“, sagt Bernd Tews, bpa-Geschäftsführer.

„Über 80 Prozent der befragten Einrichtungen können offene Stellen nicht sofort besetzen, bei der Hälfte dauert dies oft länger als sechs Monate“, so Tews, der darauf hinweist, dass mittelständische und kleine Träger besonders hart betroffen sind. Bereits aktiv seien die Einrichtungen bei der familienbewussten Arbeitszeitgestaltung: „In ambulanten Einrichtungen arbeitet über die Hälfte der Beschäftigten in Teilzeit – in stationären rund ein Drittel. In über 70 Prozent der Einrichtungen gibt es Maßnahmen zur Sicherstellung verlässlicher Dienstzeiten, und knapp zwei Drittel bieten speziell auf Eltern abgestimmte Arbeitszeitmodelle“, erläutert der bpa-Geschäftsführer.

Nachholbedarf wird hingegen bei der Kinderbetreuung gesehen. „Zwar unterstützen 70 Prozent der Einrichtungen ihre zumeist weiblichen Beschäftigten speziell beim Wiedereinstieg und rund ein Drittel bei der Kinderbetreuung“, sagt Sofie Geisel, Projektleiterin beim Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“. „Doch immerhin 60 Prozent gaben an, dass ihnen Förderprogramme oder entsprechende Unterstützungsmöglichkeiten bei der Kinderbetreuung gar nicht bekannt sind. Gleiches gilt für andere Serviceleistungen für Beschäftigte mit familiären Verpflichtungen.“

Dass Vereinbarkeitsangebote Beschäftigte binden, spiegelt sich unter anderem darin wider, dass fast 80 Prozent der Befragten einen positiven Zusammenhang zwischen gesicherter Betreuung und Arbeitszufriedenheit sehen. 54 Prozent sind zudem der Auffassung, dass familienfreundliche Aktivitäten die Produktivität der Beschäftigten erhöhen. Ein Drittel verweist zudem auf handfeste wirtschaftliche Vorteile, beispielsweise kürzere Elternzeiten oder weniger Fluktuation.

„Wir werden unsere Einrichtungen und Dienste in Zukunft noch stärker dabei unterstützen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern“, kündigt Tews an.

Jüngsten Studien zufolge benötigen die Pflegeeinrichtungen in Thüringen in den kommenden Jahren mehrere Tausend zusätzliche Fachkräfte, um ihren hohen Qualitätsstandard zu halten. Nicht nur auf Bundes-, sondern auch auf Landesebene müssen wichtige Weichen gestellt werden, um die Versorgungsqualität für eine älter werdende Gesellschaft sicherzustellen. Eine Forderung ist die Einführung einer Ausbildungsumlage.

Der Vorsitzenden des bpa Thüringen, Margit Benkenstein zufolge „können wir es uns schlicht nicht länger leisten, dass die Pflegevergütung, ambulant wie stationär, bis zu 30 Prozent niedriger ist als in den westlichen Nachbarländern. So können in Thüringen keine konkurrenzfähigen Gehälter gezahlt werden, um die Abwanderung zu stoppen.“

Benkenstein und der bpa Thüringen hoffen auf die Unterstützung der Politik, um ein Verhandlungsklima zu schaffen, in dem die Pflegekassen angemessene Preissteigerungen zulassen. Benkenstein hält es aber für unrealistisch, dies von einem Branchentarifvertrag abhängig zu machen: „Wir brauchen kurzfristig deutlich höhere Pflegevergütungen und Gehälter der Beschäftigten – und damit gute Bedingungen für die Beschäftigten und die Betriebe.“

Um neue Fachkräfte auszubilden und bereits ausgebildete für Thüringen zu gewinnen, soll die Zulassung von Altenpflegehelferinnen zur Weiterbildung zur Fachkraft unbürokratischer laufen. Thüringen muss endlich das Schulgeld an privaten Altenpflegeschulen abschaffen. Außerdem schlägt der bpa Thüringen eine Ausbildungsumlage vor, damit möglichst vielen Betrieben die Ausbildung ermöglicht wird.

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