Wirtschaft

Medizinische Versorgungs-Zentren gegen den Ärztemangel?

Ein Gericht hat medizinische Versorgungszentren gegenüber Arztpraxen gestärkt. Neue MVZ dürfen die gleichen Fallzahlzuwächse haben wie neue Arztpraxen. Damit öffnet sich auch ein möglicher neuer Ansatz zur Bekämpfung des Ärztemangels.

In Medizinischen Versorgungszentren können sich Ärzte die Ressourcen teilen. Patienten haben kürzere Wege, da mehr Fachdisziplinen unter einem Dach verfügbar sind. (Foto: Flickr/wr52351)

In Medizinischen Versorgungszentren können sich Ärzte die Ressourcen teilen. Patienten haben kürzere Wege, da mehr Fachdisziplinen unter einem Dach verfügbar sind. (Foto: Flickr/wr52351)

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) werden rechtlich ebenso behandelt wir Arztpraxen. In den Anfangsjahren des Bestehens müssen die Wachstumsmöglichkeiten für medizinische Versorgungszentren denen der Arztpraxen gleichgestellt sein. In MVZ können beliebig viele zugelassene Ärzte im Angestelltenverhältnis arbeiten, was in den herkömmlichen Arztpraxen nur sehr eingeschränkt erlaubt ist. Die Versorgungszentren müssen fachübergreifend sein, das heißt Fachärzte unterschiedlicher Richtungen oder psychologische Psychotherapeuten beschäftigen, und unter ärztlicher Leitung stehen.

Das Landessozialgericht Brandenburg entschied in einem Beschluss: „Einem medizinischen Versorgungszentrum sind innerhalb der ersten drei Jahre seines Bestehens die allgemeinen Wachstumsmöglichkeiten einer Anfänger- und Aufbaupraxis auch dann einzuräumen, wenn unterdurchschnittlich abrechnende Vertragsärzte ihre Vertragsarztsitze bei der Gründung eingebracht haben und kurze Zeit später durch neu angestellte Ärzte ersetzt werden.“

Damit entschied das Gericht über die Berufungsklage der KV Berlin im rechtstreit mit der MVZ-Tochter des Klinikkonzerns Vivantes. Die Klage kam zustande, weil die Krankenversicherungen das Regelleistungsvolumen des MVZ auf die Fallzahlen zweier Ärzte festschreiben wollten. Da diese Ärzte aus der MVZ ausschieden und die Fallzahlen stiegen, reichte Vivantes Klage ein und hoffte auf eine Erhöhung der Fallzahlen, wie sie für Anfänger- und Aufbaupraxen auch festgesetzt wird.

Regelleistungsvolumen (RLV) steuern die Leistungsmenge der niedergelassenen Ärzte. Sie beschreiben die Höchstmenge an Leistungen, für die ein Arzt ein festes Honorar erhält. Leistungen, die er darüber hinaus erbringt, werden geringer vergütet. Derzeit werden RLV in Honorarverteilungsverträgen von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen festgelegt, so genannte Budgets. Wenn sie zu niedrig bemessen werden, verdienen Ärzte weniger.

Der Bundesverband der MVZ (BMVZ) begrüßte die Entscheidung des Gerichts: „Das Urteil geht in die richtige Richtung“, sagte BMVZ-Chef Bernd Köppl der Ärzte Zeitung. Die Regelung gilt jedoch nur für die ersten drei Jahre des Bestehens der medizinischen Versorgungszentrums. Wenn danach neue Ärzte in den MVZ beschäftigt werden, gilt die Wachstums- und Aufbauregelungen einer Anfänger- und Aufbaupraxis nicht mehr.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe setzt angesichts der drohenden medizinischen Unterversorgung in ländlichen Regionen auf mehr Gemeinschaftspraxen. Eine Variante seien „Medizinische Versorgungszentren von Hausärzten, im Bedarfsfall auch in Trägerschaft einer Kommune“, sagte Gröhe der Neuen Osnabrücker Zeitung. Noch in diesem Jahr werde er einen Gesetzentwurf vorlegen, um den sich anbahnenden Ärztemangel zu verhindern.

Seit 2012 gibt es ein Gesetzt, das Vergütungsanreize für Mediziner verspricht, die sich in ländlichen Regionen niederlassen. Ärzte sind zu dem nicht mehr mit ihrem Wohnort an die Region gebunden, in der sie ihre Praxis haben. Es ist seitdem auch leichter, eine Zweitpraxis zu gründen.

Weitere Schritte für eine Bekämpfung des Ärztemangels sollen die Kassenärztlichen Vereinigungen selbst einleiten, so Gröhe. Sie müssen reagieren, bevor eine Unterversorgung eingetreten sei. Gröhe unterstrich, bislang gebe es nur wenige wirklich unterversorgte Gebiete. In vielen Regionen ständen aber etliche niedergelassene Ärzte kurz vor dem Ruhestand.

Die Möglichkeiten zur gemeinsamen Berufsausübung müssten gestärkt werden. Patienten haben in medizinischen Versorgungszentren kurze Wege, die Ärzte selbst können sich die Infrastruktur teilen. Mit den geplanten Zentren, in denen etwa nur Hausärzte tätig sind, solle dem Wunsch vor allem vieler junger Mediziner entsprochen werden, die sich etwa durch Teilzeit eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie wünschten, sagte eine Ministeriums-Sprecherin. Dies gilt besonders für Frauen. Denkbar ist auch, dass ein Mediziner neben seiner Tätigkeit in einem solchen Versorgungszentrum noch an einem anderen Ort tätig ist.

 

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