Forschung

Jeder Zweite hat es: Forscher entdecken geheimnisvolles Darmvirus

Wissenschaftler haben ein Virus entdeckt, das im Darm lebt. Mindestens jeder Zweite soll das Virus mit sich herumtragen – eventuell sogar 75 Prozent der Weltbevölkerung. Jetzt wird untersucht, welche Rolle es bei Darmkrankheiten spielt.

Der griechische Arzt Hippokrates vertrat schon 300 v. Chr. die Ansicht, dass der Tod im Darm sitzt. Dort setzten sich Viren und Bakterien mit Vorliebe fest. (Foto: Flickr/ Robert McDonald)

Der griechische Arzt Hippokrates vertrat schon 300 v. Chr. die Ansicht, dass der Tod im Darm sitzt. Dort setzten sich Viren und Bakterien mit Vorliebe fest. (Foto: Flickr/ Robert McDonald)

Ein neu entdecktes, weit verbreitetes Virus infiziert und repliziert sich selbst in einem der häufigsten Typen von Darmbakterien, der sogenannten Bacteroidetes. Dabei bildet sich in dieser Klasse von Bakterien ein eigener Stamm, der einen eigenen Stoffwechsel besitzt. Das Ganze ist relativ ungefährlich, wenn man einmal davon absieht, dass Bacteroidetes bereits mit einigen Krankheiten in Verbindung gebracht wurden.

Dazu zählen unter anderem Fettleibigkeit, Diabetes und andere Krankheiten, die ihre Ursache im Darm haben. Das Besondere an dem neuen Virus ist die Länge seiner DNA. Diese besteht aus etwa 97.000 Basenpaaren und ist damit beispielsweise zehn Mal länger als HIV. Es gibt keine vergleichbare Länge unter den bekannten Viren und damit ist dies eine bislang einzigartige Entdeckung.

Was wiederum die Frage aufwirft, warum sich das Virus solange vor Forschern verstecken konnte? Denn es wird angenommen, dass es in den meisten Menschen vorkommt – und das offensichtlich nicht erst seit kurzer Zeit. Zwei Forscher von der San Diego State University haben das Virus per Zufall entdeckt, berichtet Edwards Lab. Sie untersuchten am Computer die Stuhlproben von 12 Menschen, um nach neuen Viren zu forschen. Dabei stellten sie fest, dass alle den gleichen Strang DNA enthielten. Sie nennen das Virus „crAssphage“. Der Titel stamme von dem Programmnamen, das sie bei der Suche verwendet haben, so die Wissenschaftler.

Nachdem jeder der Testpersonen die virale DNA enthielt, wollten die beiden Forscher herausfinden, wie weit das Virus verbreitet ist. Bisher existierte es nur auf ihrem Bildschirm. Nachdem sie die verfügbaren nationalen Datenbanken durchforsteten, stellten sie mit Hilfe von DNA-Vervielfältigung fest, dass crAssphage tatsächlich sehr häufig in menschlichen Stuhlproben vorhaben ist.

Wie sich herausstellte, haben die meisten Menschen das Virus in sich und niemand wusste überhaupt, dass es existiert. Denn die beiden Wissenschaftler untersuchten daraufhin das fäkale Metagenom von 466 Proben. 342 oder 73 % davon enthielten crAssphage. In einer Presseveröffentlichung sagt Professor Robert Edwards, einer der beiden Entdecker: „Es ist nicht ungewöhnlich, nach einem neuen Virus zu suchen und eines zu finden. Aber es ist sehr ungewöhnlich ein Virus zu finden, das in so vielen Menschen vorkommt.“

Weil es so weit verbreitet ist, kann das Virus nicht sonderlich jung sein. Wahrscheinlich ist es so alt, wie der Mensch selbst. Aber wie kann es dann sein, dass ein derart häufig vorkommendes Virus so lange unentdeckt bleibt? Den Forschern zufolge sei dies vielleicht etwas seltsam, aber wiederum leicht zu erklären. Etwa 75 Prozent der DNA-Sequenzen in einer neuen Stuhlprobe sind bisher unbekannt.

Es gibt also noch viel zu erforschen in diesem Bereich, der aus verständlichen Gründen noch relativ unerforscht ist. Aber jetzt geht es erst einmal darum crAssphage weiter zu durchleuchten. Denn bisher konnte es zwar identifiziert werden, aber die genaue Entstehung ist noch völlig unklar. Eines wissen die Forscher allerdings schon: Das Virus kommt nicht in Stuhlproben von sehr jungen Kindern vor und wird demnach nicht von der Mutter übertragen.

Daraus folgt wiederum, dass das Virus entweder später im Darm entsteht oder durch die Nahrung aufgenommen wird. Dieser Prozess ist noch unklar. Genauso, welche Rolle crAssphage im Zusammenhang mit Fettleibigkeit und anderen Darmkrankheiten spielt. Dies soll jetzt erforscht werden. Dazu wird zuerst untersucht, welche Funktion das Virus bei Bacteroidetes-Kolonien übernimmt. Erst dann kann geklärt werden, wie es die Fettleibigkeit beeinflusst.

Professor Edwards geht sogar noch einen Schritt weiter. Das Virus kann in Zukunft vielleicht sogar personalisiert werden. Wissen die Forscher erst einmal auf welche Art crAssphage Darmkrankheiten wie beispielsweise Diabetes verursacht oder verhindert, kann dieser Prozess genutzt werden. „Es kann der Schlüssel sein für eine persönliche Bakteriophagen-Medizin. Wir könnten bei Individuen dieses spezielle Virus isolieren und so manipulieren, damit es schädliche Bakterien angreift.“

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  1. Das Virus manipulieren bedeutet Genmanipulation, oder? Aber das wollen wir ja gerade nicht in unserem Leben.
    Wie wär’s damit: herausfinden, auf welche Frequenz das Virus reagiert und es damit zerstören. Das ist nichts wirklich Neues: der Zapper vom amerikanischen Arzt Dr. Beck macht genau dies.
    Natürlich ist dies für Pharma nicht soo interessant…
    Aber für mich und für dich.
    Und viiel kostengünstiger.