Wirtschaft

Patienten bekommen ökonomischen Druck in der Klinik zu spüren

Die große Mehrheit aller Chefärzte, Geschäftsführer und Pflegedienstleister ist sich einig: Der ökonomische Druck schadet der Patientenversorgung. Mediziner müssen rationieren und Patienten wichtige Leistungen vorenthalten. Ärzte fordern mehr Investitionen von den Bundesländern.

Wichtige Behandlungen und Leistungen müssen ausgesetzt werden, weil den Kliniken das Geld fehlt. (Foto: Flickr/ Quinn Dombrowski)

Wichtige Behandlungen und Leistungen müssen ausgesetzt werden, weil den Kliniken das Geld fehlt. (Foto: Flickr/ Quinn Dombrowski)

Die Hälfte aller Chefärzte muss häufig zwischen medizinischen und ökonomischen Optionen eine Entscheidung treffen. Bei den Pflegediensten ist der finanzielle Druck noch höher, für 75 Prozent der Befragten einer Studie sind diesem Konflikt regelmäßig ausgesetzt. Die persönliche Zuwendung zum Patienten und die Pflege kommen demnach im Kranken­hausalltag wegen des ökonomischen Drucks zu kurz.

82 Prozent der Pflegedirektoren, 70 Prozent der Chefärzte und zwei Drittel aller Geschäftsführer gehen davon aus, dass der ökonomische Leistungsdruck die Versorgung der Patienten verschlechtert.

„Es gibt keinen, der den finanziellen Druck nicht spürt“, sagte Antonius Reifferscheid, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl, bei der Präsentation der Studienergebnisse in Essen der Ärztezeitung. Für sechs von zehn Chefärzten ist der wirtschaftliche Druck im Krankenhaus „stark“. Bei den kaufmännischen Leitern sind es noch 40 Prozent.

Die größten Defizite gibt es in der Pflege und der Zuwendung für die Patienten. Auch in Diagnostik und Therapie sowie bei den Medizinprodukten würden gerade von den Ärzten Probleme gesehen, so Reifferscheid.

Jeder fünfte Chefarzt (21%) berichtet zudem, dass er oder sie mindestens einmal im Monat Patienten eine nützliche Leistung aus Geldmangel vorenthalten oder durch eine günstigere ersetzen müssen. Fast jeder zweite Chefarzt (46%) muss mindestens einmal in sechs Monaten Rationierungen vornehmen.

„Rationierung ist kein spezielles Problem der Hochkostenbereiche“, sagte Reifferscheid. Große Unterschiede zwischen den Fachrichtungen seien also nicht zu erkennen. Sollten sich die wirtschaftlichen Bedingungen weiter verschärfen, könne die Intensität der Rationierungen ansteigen.

„Die Mittelknappheit in unseren Krankenhäusern trifft jeden Patienten direkt“, sagte Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Es sei fahrlässig gewesen, seit 1995 aus Kostengründen rund 15 Prozent Pflegepersonal abzubauen: „Die Folge ist eine enorme Arbeitsver­dichtung und letztlich eine Zunahme bei den Krankenhausinfektionen, den Dekubital­ulcera und den Burn-Out-Syndromen. Für menschliche Zuneigung ist sowieso kaum noch Zeit“, sagte Windhorst dem Ärzteblatt zufolge.

Windhorst nimmt die Bundesländer in die Pflicht: „Wenn Investitionen nur mit Geld aus der Patientenversorgung bezahlt werden können, muss man sich nicht wundern, dass die Patientenversorgung darunter leidet.“ Die Krankenhäuser würden so kaputt gespart.

Es gibt aber nicht nur Mangel, sondern auch Überversorgung in deutschen Krankenhäusern. 39 Prozent aller befragten Chefärzte gaben an, dass es in ihrem Fachgebiet durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen überhöhte Eingriffszahlen gibt. Besonders ausgeprägt sei dies in der Kardiologie und in der Unfallchirurgie/Orthopädie zu beobachten.

Der Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen befragte für die Studie „Umgang mit Mittelknappheit im Krankenhaus – Rationierung und Überversorgung medizinischer Leistungen im Krankenhaus“ 5.000 Chefärzte, Pflegedienstleister und Klinikgeschäftsführer. Insgesamt beteiligten sich .432 Chefärzte, 396 Pflege­dienstleitungen und 284 Geschäftsführungen. Die Rücklaufquote der Fragebögen betrug 43 Prozent, ein Wert, der für Umfragen überdurchschnittlich hoch ist.

 

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *