Gesundheit

Pflege von Angehörigen kann krank machen

Pflegende Angehörige treiben Pflichtgefühl und Familienzusammenhalt an. Viele von ihnen müssen nebenbei arbeiten. Sie nehmen die hohen Belastungen auf sich und tragen dabei ein hohes Risiko, selbst krank zu werden.

Die Pflege der eigenen Angehörigen führt zu einer hohen körperlichen und psychischen Belastung. (Foto: Flickr/ blu-news.org)

Die Pflege der eigenen Angehörigen führt zu einer hohen körperlichen und psychischen Belastung. (Foto: Flickr/ blu-news.org)

Mehr als 2,5 Millionen Menschen sind pflegebedürftig. Modellrechnungen gehen davon aus, dass es bis 2030 in Deutschland sogar rund 3,4 Millionen sein werden. Sieben von zehn Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Die große Mehrheit von ihnen, zwei Drittel, wird ausschließlich durch Angehörige betreut. Kurzum: Pflegende Angehörige sind unverzichtbar für die Versorgung. Die Datenlage zur gesundheitlichen Situation der Pflegenden ist bisher jedoch dünn. Das Wissenschaftliche Institut der Techniker Krankenkasse (TK) hat in einer Studie mehr als 1.000 pflegende Angehörige zu Gesundheit und Befinden, Belastungen und Unterstützungsmöglichkeiten befragen lassen.

Die Pflege eines Angehörigen ist danach kräftezehrend und belastet die Gesundheit der Pflegenden. Sechs von zehn Befragten geben an, dass die Pflege sie viel von ihrer eigenen Kraft kostet – je höher die Pflegestufe, desto größer die Belastung. In Pflegestufe drei ist sie fast doppelt so groß wie in Stufe null. Ständig in Bereitschaft zu sein strengt 55 Prozent der Befragten sehr an. Die Hälfte der Pflegenden fühlt sich oft körperlich erschöpft, gut ein Drittel hin- und hergerissen zwischen den Anforderungen der Pflege und denen der Umgebung, zum Beispiel Job oder Familie. Drei von zehn Befragten geben sogar an, die Pflegesituation greife die eigene Gesundheit an.

Nur wenige Pflegende schätzen ihren Gesundheitszustand positiv ein. Während bei einem Bevölkerungsquerschnitt sechs von zehn Befragten ihre Gesundheit als gut oder sehr gut beurteilen, ist dies bei den pflegenden Angehörigen nicht einmal die Hälfte (45 Prozent), heißt e in der Studie. Unter den Angehörigen, die den Pflegebedürftigen ganz allein betreuen, geben sogar nur etwas mehr als ein Drittel (36 Prozent) an, ihr Gesundheitszustand sei gut oder sehr gut. Immerhin: Jeder Vierte pflegt allein. Auch das ist ein Ergebnis der TK-Pflegestudie.

Über Umfang und Art der Pflege durch Angehörige liegen kaum konkrete Daten vor. Das hat auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem aktuellen Gutachten festgestellt. „Genau das ist jedoch erst einmal die Grundlage für jedes weitere Handeln, nämlich die handelnden Personen konkret zu Ihrer Situation zu befragen“, sagte Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der TK.

Die Studie hat auch nach den ausschlaggebenden Gründen, eine Pflegeaufgabe zu übernehmen, gefragt. Fast die Hälfte der Pflegenden antwortet mit Pflichtgefühl und Familienzusammenhalt.

Die Studie zeigt jedoch auch, dass dieser soziale Kitt zunehmend bröckelt. Familiärer Zusammenhalt spielt umso weniger eine Rolle, desto jünger die Befragten sind. Während bei den Über-65-Jährigen insgesamt 61 Prozent familiäres Pflichtgefühl als Hauptgrund angeben, sind es bei den 50- bis 65-Jährigen nur noch 45, bei den 18- bis 49-Jährigen sogar nur noch 38 Prozent. „Das Pflegepotenzial von Familien wird kleiner“, so Baas. „Erwerbstätigkeit hat einen anderen Stellenwert als in der Babyboomer-Generation. Pflege in Vollzeit wird künftig kaum mehr möglich sein.“ Die moderne Arbeitswelt fordert Mobilität. Eltern und Kinder wohnen deutlich seltener am gleichen Ort. Einstellungen zum Thema Familie sind im Wandel, Single-Haushalte nehmen zu. Speziell in ländlichen Regionen erzeugt die Abwanderung Handlungsbedarf.

„Für die Zukunft müssen wir andere Antworten finden. Wir müssen Pflege anders als heute organisieren“, so Baas. „Die informelle Pflege von Angehörigen ist künftig in diesem Umfang nicht mehr leistbar. Die Schwiegertochter als Pflegezentrum ist ein Auslaufmodell.“

Ein Lösungsansatz wäre ein träger- und sektorenübergreifendes Hilfs- und Betreuungsnetzwerk, das einen deutlichen Fokus auf die Zuhause-Versorgung legt. „Wir müssen die informellen Leistungen der Angehörigen in professionelle Netzwerke überführen und Angebote integrieren, die es auch jetzt schon gibt. Unsere Studie zeigt, dass gerade Unterstützungsleistungen der Pflegeversicherung zwar bekannt sind, aber trotzdem wenig genutzt werden„, so Baas.

Am stärksten nutzen die Pflegenden noch den ambulanten Pflegedienst: Fast 60 Prozent geben dies in der Forsa-Befragung an. Hingegen ist die Nachtpflege zwar bei drei Viertel der Pflegenden bekannt, wird aber trotzdem nur von sieben Prozent der Befragten genutzt. Mit Beratungsangeboten sind Pflegende insgesamt weniger vertraut. Nur die Hälfte kennt die Möglichkeit der individuellen Pflegeschulung zu Hause, nicht einmal 60 Prozent die Pflegekurse in der Gruppe.

Zahlreiche Verbesserungen im Bereich der häuslichen Pflege sollen pflegende Angehörige ab dem kommenden Jahr entlasten. Hintergrund ist das erste Pflegestärkungsgesetz. Im Zuge dessen soll auch der Pflegevorsorgefonds eingerichtet werden – mit dem Ziel, die Beiträge zur Pflegeversicherung auch dann stabil zu halten, wenn in 20 Jahren die Generation der Babyboomer ins typische Pflegealter kommt.

Mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr soll in den Fonds fließen. Um das Reformvorhaben finanzieren zu können, wird der Beitragssatz ab dem 1. Januar um 0,3 Prozentpunkte steigen – und um weitere 0,2 ab 2017 im Rahmen des zweiten Pflegestärkungsgesetzes, das einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutachtungsverfahren einführen will. Die bisherige Unterscheidung zwischen Pflegebedürftigen mit körperlichen Einschränkungen und Demenzkranken soll wegfallen.

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