Versicherungswirtschaft

Versicherer verkaufen kaum Pflegezusatzversicherungen

Nur drei Prozent der Bevölkerung ist im Besitz einer Pflegezusatzversicherung. Die Versicherer haben es versäumt, ihren Kunden den Zweck des Produktes zu vermitteln. Über 60 Prozent glauben, die Versicherung zahle im Ernstfall nicht. Über 80 Prozent glauben, die Angehörigen können die Kosten im Pflegefall tragen.

Vor welchen Risiken hat die Bevölkerung Angst? (Grafik: Continentale Krankenversicherung a.G.)

Vor welchen Risiken hat die Bevölkerung Angst? (Grafik: Continentale Krankenversicherung a.G.)

Zum Pflegefall zu werden ist eine beängstigende Vorstellung. Aber dabei auch noch der Familie zur Last zu fallen, ist für die Deutschen unter 60 Jahren eine Horrorvorstellung: 84 Prozent fürchten nichts mehr als die Pflegebedürftigkeit. Wenn sie aber doch eintreten sollte, haben 83 Prozent die meiste Angst davor, ihre Angehörigen persönlich zu belasten. Den Kindern finanziell auf der Tasche zu liegen fürchten 76 Prozent. Damit rangiert das Thema Pflege unangefochten auf Platz eins der größten Sorgen der Deutschen, noch vor Krankheit, Altersarmut oder Arbeitslosigkeit, das sind die Ergebnisse der Continentale-Studie 2014.

Aus Sicht der Bevölkerung sprechen zwei Gründe gegen den Abschluss einer privaten Zusatzversicherung sprechen: Die Befürchtung, die Versicherung zahle im Ernstfall nicht (61 Prozent) und der feste Glaube, dass der Partner oder Angehörige die Pflege übernehmen würden (59 Prozent). Da die meisten privaten Pflegezusatzversicherungen vertraglich garantieren, immer dann zu zahlen, wenn auch die gesetzliche Pflegeversicherung zahlt, besteht hier Aufklärungsbedarf seitens der Anbieter.

Konsequenterweise halten es die Deutschen für sehr notwendig, finanziell vorzusorgen. Allerdings: Nur 3 Prozent haben eine private Pflegezusatzversicherung, obwohl sie die sinnvollste Absicherung für den Durchschnittsbürger darstellt. Eine paradoxe Situation, die auf einer Mischung aus Uninformiertheit und Optimismus basiert, aber auch auf Informationslücken bei den Versicherungsvermittlern, heißt es in der Studie, die in Zusammenarbeit mit TNS Infratest erstellt wurde.

Wenn sich Menschen nicht gegen ein Risiko versichern, das sie als bedrohlich empfinden, liegt meist eine Vermutung nahe: Sie empfinden den Versicherungsschutz als zu teuer. Auf den ersten Blick scheint diese These auch beim Thema Pflege zu greifen, denn 58 Prozent der 1.314 befragten Personen geben genau dies als Grund an.

Allerdings spricht die Ausgabebereitschaft der Bevölkerung gegen diese Annahme: 74 Prozent sind bereit, mindestens 10 Euro im Monat für eine Pflegezusatzversicherung auszugeben, die Mehrheit würde bis zu 25 Euro bezahlen. Also ungefähr die Summe, ab der eine gute Absicherung auch möglich ist. Unter finanziellen Gesichtspunkten stünde selbst einem Top-Schutz nichts im Wege, denn 37 Prozent der Deutschen halten Ausgaben bis 50 Euro für angemessen, 13 Prozent bis 70 Euro. Acht Prozent würden sogar mehr als 75 Euro im Monat zahlen.

Die Tatsache, dass die eigene Immobilie nach wie vor das Ranking der für geeignet gehaltenen Vorsorgemaßnahmen anführt (69 Prozent) stützt diese These. 60 Prozent glauben zudem, die Unfallversicherung sei ein angemessener Schutz. Das Vertrauen in die eigene Familie zeugt von Optimismus: Eine Scheidungsquote von rund 50 Prozent, die wachsende Zahl von Singlehaushalten gerade bei älteren Menschen und die sinkende Geburtenrate zeichnen ein anderes Bild.

Darüber hinaus decken die Ergebnisse der Studie noch ein weiteres Paradox auf: Denn auch wenn die Menschen auf die Pflege durch ihre Angehörigen setzen, fürchten 83 Prozent der Deutschen gleichzeitig nichts mehr, als ihre Familie im Pflegefall persönlich zu belasten. Nur die Sorge vor schlechter medizinischer Versorgung (82 Prozent) ist fast gleichauf, die Angst vor dem Verlust der finanziellen Unabhängigkeit (79 Prozent), finanzieller Belastung der Angehörigen (76 Prozent) oder Vereinsamung (70 Prozent) wiegen nicht so schwer.

Die Versicherer haben es bislang versäumt, dass Hauptargument für den Abschluss einer Pflegezusatzversicherung einer breiteren Menge der Bevölkerung verständlich zu kommunizieren. Die Zusatzversicherung soll die finanzielle Lücke schließen, die entsteht, wenn der Pflegefall eintritt und die Zahlungen der gesetzlichen Pflegeversicherung nicht mehr ausreichen.

Mehr Aufklärung ist unausweichlich, auch weil Versicherungsvertreter die Bedürfnisse ihrer Kunden nach Absicherung im Pflegefall falsch einschätzen. Darüber hinaus hat das Thema Pflege eine neue politische Dimension erreicht, schließlich wird es als einziger gesundheitspolitischer Bereich im Koalitionsvertrag behandelt. Die Pflege angesichts der demografischen Entwicklung in Zukunft immer wichtiger.

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