Versorgung

Kosten: Mehr als jeder dritte Notruf-Einsatz ist kein Notfall

Einer von drei eingehenden Notrufen stellt sich als falsch heraus. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Viele Menschen sind unsicher, welchen Dienst sie im Notfall anrufen sollen. Eine bessere Schulung der Bundesbürger könnte dazu führen, die Zahl der unnötigen Einsätze zu reduzieren und Kosten zu sparen.

Nur einer von drei Notruf-Einsätzen ist ein tatsächlicher Notfall. (Foto: Flickr/Dennis Skley/CC BY-ND 2.0)

Nur einer von drei Notruf-Einsätzen ist ein tatsächlicher Notfall. (Foto: Flickr/Dennis Skley/CC BY-ND 2.0)

Die Deutschen nutzen den Notruf für den Rettungsdienst öfter, als er tatsächlich in Anspruch genommen werden muss. Eine Umfrage ergab, dass obwohl die Notrufnummer 112 gerufen wurde, jeder dritte Einsatz kein Notfall war. Darüber hinaus ist es schwer festzustellen, welche Angebote in der medizinischen Versorgung wirklich notwendig sind und wo noch Nachholbedarf besteht.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat in seinem jüngsten Gutachten darauf verwiesen, dass Patienten häufig damit überfordert sind zu entscheiden, welchen Dienst sie im Notfall anrufen sollen. Der ärztliche Bereitschaftsdienst hat in einigen Bundesländern unterschiedliche Bezeichnungen, berichtet das Aerzteblatt. Die Zahl der unnötigen Notrufe und die damit verbundenen Kosten könnte erheblich reduziert werden.

Wichtigste gesetzliche Grundlage des Rettungsdienstes in Deutschland ist bisher die sogenannte „Krankentransport-Richtlinie“, nach der Patienten Anspruch auf die sachgerechte Verordnung einer Krankenfahrt, eines Krankentransportes oder einer Rettungsfahrt haben. Am Stichtag erfolgten jedoch nur knapp 20 Prozent der Einsätze auf Verordnung durch einen Arzt. Mehr als 80 Prozent der Einsätze wurden ohne vorherige Verordnung über die Rufnummer 112 durch die Leitstellen disponiert und bis auf wenige Ausnahmen durch Rettungswagen (RTW), bzw. durch RTW und Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) gefahren. Allerdings zeigte sich im Nachhinein, dass 34,5 Prozent gar keine echten Notfälle waren.

In der Studie zum Rettungsdienst wurde nach dem medizinischen Lagebild der Patienten, den eingesetzten Rettungsmitteln sowie Geschlecht und Alter gefragt. Mehr als 120 DRK-Rettungsdienste haben sich deutschlandweit daran beteiligt. Die Ergebnisse dieser Studie, bei der 3.130 Fälle ausgewertet wurden, stellte DRK-Bundesarzt Peter Sefrin im Rahmen eines DRK-Symposiums am 7. Oktober in Berlin vor.

Der Einsatz dieser Fahrzeuge (RTW und NEF) setzt voraus, dass die Leitstellendisponenten aufgrund ihrer Lageinformationen zu der Überzeugung gelangt sind, dass beim Patienten ein akut lebensbedrohlicher Gesundheitszustand vorliegt. Die drei häufigsten lebensbedrohlichen Erkrankungen betrafen dabei Herz-Kreislauf (46,9 Prozent), das zentrale Nervensystem bzw. Schlaganfall (20,7 Prozent) und die Atmung (15,9 Prozent). Von den Fällen ohne Verordnung waren insgesamt 42 Prozent der Patienten über 70 Jahre alt.

Derzeit gibt es bundesweit nur zwei Quellen, um Angaben über rettungsdienstliche Leistungen zu erhalten: Zum einen die Angaben der Gesetzlichen Krankenversicherung zu den Leistungsfällen im Rettungsdienst und zum anderen die regelmäßige Replikationsstudie der Bundesanstalt für Straßenwesen mit einem derzeitigen Erhebungsturnus von vier Jahren.

Befragungen und Bedarfsanalysen stellen noch nicht unbedingt sicher, ob es einen Bedarf oder ein Überangebot an medizinischen Versorgungsdienstleistungen gibt. Ein Beispiel dafür ist der in Brandenburg für kurze Zeit eingeführte Patientenbus. Dieser musste trotz gründlicher Vorarbeit nach einem Jahr eingestellt werden, weil sich herausstellte, dass „die nachbarschaftlichen und familiären Bande noch ausgeprägt genug sind“, sagte Steffen Hampel vom DRK. Sehr viel weniger Bürger als angenommen nutzten tatsächlich den Bus. Die Kosten schossen in die Höhe: Rund  28.000 Euro wurden pro Jahr veranschlagt, 30 bis 50 Fahrgäste stiegen monatlich ein. Pro Kopf hätte eine Fahrt bei dieser Auslastung dauerhaft rund 50 bis 60 Euro gekostet.

Auch die „Rollende Arztpraxis“ in Wolfenbüttel wird zum Ende des Jahres eingestellt. Dort fahren derzeit noch Ärzte der Krankenversicherung Niedersachsen in einem VW-Bus in einige abgelegene Dörfer. Auch hier war die Nachfrage zu groß kalkuliert. Die Einführung solcher Dienstleistungen, die Bereistellung von Notrufen sind vor dem Hintergrund des demografischen Wandels unverzichtbar. Der gesellschaftliche Nutzen und die wirtschaftliche Bemessung der Investitionen sind jedoch schwer zu erfassen.

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