Pflege

Migranten wünschen sich mehr kultursensible Pflege

Die wachsende Gruppe der Senioren mit Migratinshintergrund in Deutschland stellt besondere Anforderungen an die Pflege. Gerade Muslime wünschen sich kultursensible Pfleger, die auf besondere Essgewohnheiten und Hygienevorschriften eingehen.

Muslime legen bei der Pflege oft Wert auf besoindere Waschvorschriften. (Foto: flickr/Simone D. McCourtie)

Muslime legen bei der Pflege oft Wert auf besondere Waschvorschriften. (Foto: flickr/Simone D. McCourtie)

Die Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund zählt zu den am schnellsten wachsenden in Deutschland. Prognosen zufolge wird sie von derzeit 1,4 Millionen auf etwa 2,8 Millionen im Jahr 2030 steigen. Daher rückt auch die Pflege dieser Menschen stärker in den Vordergrund. Besonders deutlich ist dies in Berlin: Dort wünschen sich 48 Prozent der türkeistämmigen Migranten im Pflegefall mehr Unterstützung im Alltag. Das ergab eine Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Charité Universitätsmedizin bei türkeistämmigen Migranten im Alter zwischen 59 und 88 Jahren im Raum Berlin.

Knapp die Hälfte der türkeistämmigen hilfe- und pflegebedürftigen Menschen fühlt sich nicht gut im Alltag unterstützt: Sie bewerten ihre Pflegesituation als unzureichend (37 Prozent) oder zumindest als teilweise unzureichend (11 Prozent). Neben körpernaher Hilfe beim Baden und Duschen besteht Unterstützungsbedarf vor allem im hauswirtschaftlichen Bereich, also beim Einkaufen oder bei Arbeiten in Haus und Garten. Ferner wünschen sich die Befragten mehr Hilfe beim Umgang mit Bürokratie, Geldangelegenheiten und bei der außerhäuslichen Mobilität sowie bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Die Qualität guter Pflege messen türkeistämmige Migranten an einer kultursensiblen Alltagspraxis der Pflegekräfte. Demnach empfindet ein Großteil der Befragten das Ausziehen von Straßenschuhen vor Betreten des Wohnraumes sowie die Rücksicht auf Essgewohnheiten als wesentliche Merkmale von guter Pflege. Wichtig sind ferner die Türkischkenntnisse von Pflegekräften und die gleichgeschlechtliche Körperpflege.

„Zwar nehmen Pflegeanbieter schon heute stärker auf die kulturellen Bedürfnisse von pflegebedürftigen Menschen Rücksicht. Dennoch erreichen unsere Versorgungsstrukturen noch nicht ausreichend alle Zuwanderungsgruppen“, sagt der ZQP-Vorstandsvorsitzende Ralf Suhr. Gründe hierfür seien insbesondere sprachliche und kulturspezifische Zugangsbarrieren. So zeigt die Studie, dass sich der Großteil der Befragten unzureichend über das Thema Pflege informiert fühlt. Zum Beispiel haben 70 Prozent noch nie vom Angebot der Pflegeberatung gehört. Entsprechend nehmen nicht alle pflegebedürftigen Befragten auch die ihnen zustehenden Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch.

Um den Zugang zu professioneller pflegerischer Unterstützung unter türkeistämmigen Menschen in Berlin zu verbessern, ist es laut Suhr wichtig, diese Bevölkerungsgruppe intensiver über das bestehende Angebot zu informieren. Da der Hausarzt von den Befragten als zentraler Ansprechpartner bei gesundheitlichen Problemen genannt wurde, sollten sich hausärztliche Praxen und die Pflegeberatung besser vernetzen. Zudem sei mehrsprachiges Informationsmaterial zu den Angeboten von Pflegeversicherung und -beratung von großer Bedeutung, um möglichst auch Zuwanderer zu erreichen, die formelles Deutsch nicht gut verstünden.

Die Studie leistet nach Angaben der leitenden Wissenschaftlerin des Projektes, Liane Schenk, einen richtungsweisenden Beitrag zur Verbesserung der Datenlage. „Wir verfügen damit über quantitativ basierte Informationen zur Lebenssituation, pflegerischen Versorgung und Pflegeeinstellungen türkeistämmiger Migranten in Berlin“, sagt Schenk. Diese Bevölkerungsgruppe ist die am zahlreichsten vertretene, nicht-europäische Zuwanderergruppe in Deutschland und zugleich die größte außerhalb der Türkei lebende türkische Gemeinschaft. Entsprechend wird die Nachfrage türkeistämmiger Älterer nach Pflegeleistungen in der ambulanten und stationären Altenhilfe zunehmen.

„Pflegebedürftigkeit wird als Schicksalsschlag wahrgenommen und ist stark angstbesetzt“, sagt Schenk. Ein überraschendes Ergebnis der Studie sei jedoch die prinzipielle Offenheit insbesondere gegenüber ambulanten Pflegeangeboten gewesen. „Professionell unterstützte häusliche Pflege scheint unter Türkeistämmigen ebenso wie in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund die zentrale Versorgungsform der Zukunft zu sein“, betont die Wissenschaftlerin.

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